„The Space ist the Place“ – abgedrehtes Konzert mit der Musik von Sun Ra

Es gibt Tage, da hat man einfach Glück: Durch Zufall Menschen getroffen, die in der Tonhalle und in der Rampe in Hannover arbeiten. Durch Zufall einen Konzerthinweis für den 08.11. erhalten und – nicht ganz zufällig – zwei Karten reserviert und hingegangen.

Und das Glück? Ein Superkonzert von der hervorragenden Braunschweiger Band „Sound of Joy“ – eine Neunentdeckung für mich.

Und was daran so super ist: Sound of Joy spielt die Musik von Sun Ra!

Sun Ra

Wer war Sun Ra: Geboren wurde er 1914 in Birmingham in Alabama. Eigenen Angaben zufolge war er aber gar kein menschliches Wesen, sondern kam vom Saturn, wohin er auch immer wieder zurückwollte. Er wollte vor der Diskriminierung und der Gewalt gegenüber den Afroamerikanern in den USA flüchten. Gerüchten zufolge hielten ihn die Angels davon ab, damit er seiner Musik seinen Beitrag gegen Rassismus und Diskriminierung leistete. So blieb er uns erhalten.

Jazz spielte Sun Ra (so hieß er seit 1952, davor Herman „Sonny“ Poole Blount) seit den 1940er Jahren. Anfangs noch in herkömmlichen Bigbands unterwegs, wurde seine Musik seit den 1950er Jahren immer persönlicher von ihm und seinem Stil (besser seinen verschiedenen Stilen) geprägt.

Sun Ra war Pianist, Organist und Keyboarder, Komponist und Bandleader. Wobei Komponist etwas schwierig ist: Trotz hunderter Alben (vielfach auf seinem eigenen Label Saturn) gibt es fast keine Noten. Die Stücke wurden mündlich weitergegeben und ließen viel Spielraum für individuelle und kollektive Improvisation. Die Folge: Bands, die sich heute mit Sun Ra auseinandersetzen, müssen oft mit Transkriptionen seiner Stücke arbeiten und diese auch vielfach selbst erstellen. Das gilt auch für Sound of Joy, die auch Transkriptionen erstellten.

Sun Ra und sein Arkestra

Jetzt zur Musik: Sun Ra wird vor allem im Free Jazz verortet, was zumindest teilweise zutrifft. Er war ein Exzentriker, der sich für viele Stile und alle mögliche Musik interessierte: Eine ‚kosmische‘ Phase, dann experimenteller, später auch elektronische Klangerzeugung, aber auch die Bearbeitung der Musik von Walt Disney, Anklänge an Funk etc. sind anzutreffen. Wer sucht, wird finden: Die Diskografie zählt 62 Studie- und 48 Livealben zu seinen Lebzeiten (d.h. bis 1993) – und danach kam noch einiges mehr Unveröffentlichtes.

Was zeichnete seine Sun Ras aus: Exzentrik, Dynamik, Energie, Kreativität, Stilvielfalt und vieles mehr.

Die meisten Aufnahmen spielte er mit seinem Sun Ra Arkestra (auch Myth Science Arkestra, Solar-Myth Arkestra) ein. Einer Band mit 10 bis 20 Musikern (zeitweise auch mehr), die den Musikern viel Möglichkeiten für den eigenen Ausdruck und die Improvisation gab.

Marshall Allen

Und: Das Sun Ra Arkestra macht weiter! Es wird bis heute von Marshall Allen geleitet, der als Saxophonist 1958 zur Gruppe kam und jetzt 101 Jahre alt ist! Ich konnte das Arkestra mit Allen 2014 in Mors erleben, er hat mit seinen 90 Jahren noch kräftig Saxofon gespielt.

Das Arkestra tourt auch und macht auch Aufnahmen. Geblieben ist nicht nur die Musik, sondern auch das exzentrische Aussehen der Gruppe – der kosmische Geist ist auch optisch erkennbar.

Sound of Joy

Und das führt dann wieder zurück zu Sun of Joy https://soundofjoy.space : 12 Musiker und leider nur einer Musikerin (und Sängerin), die alle technisch hervorragend spielen und zugleich offensichtlich Spaß an ihrer Musik haben. Das Konzert war eine kleine Zeitreise durch Sun Ras Schaffen. Ergänzt durch Hinweise auf sein Werk (bei Wikipedia mit einer eigenen Seite nur zur Diskografie) und die Genese einzelner Stücke.

Dabei bleiben die Musiker beachtlich werktreu, sie spielen tatsächlich die Musik Sun Ras, experminetieren dabei auch etwas, lassen aber immer das Original bestehen. Was für weniger Kundige vielleicht auch wichtig ist: Das ist moderner Jazz, aber er ist hörbar. Man muss nicht erst in die Innereien des Freejazz eingeweiht werden, um an dem Konzert seinen Spaß zu haben. Das aber dann möglicherweise Lust auf mehr entsteht, kann passieren.

Ein richtig spannendes, teilweise auch lustiges, bewegendes Konzert, das einen den ganzen Scheiß von Nationalismus, Abschiebungen, Antisemitismus, Kriegsterror in der Ukraine, Stadtbild und Klimakrise mal für 2 ½ Stunden vergessen lässt!

Ach ja: „The Space ist the Place“ zählt zu Sun Ras bekanntesten Stücken und ist natürlich auch Teil des Konzertes,

Und ein Hinweis zum Merken: Nächstes Konzert von Sound of Joy, 30.01.2026, 20:00 Uhr, Braunschweig, KufA