Der Mord an Shlomo Lewin und Frida Poeschke vor 45 Jahren

Vor 45 Jahren, am 19.12.1980 wurden in Erlangen der ehemalige Vorsitzende der Nürnberger Jüdischen Gemeinde Shlomo Lewin und seine Lebensgefährtin Frida Poeschke ermordet. Näheres gleich.

1945 – das Jahr des Terrors

Das Jahr 1980 war ein besonderes:

Am 22.08.1980 warfen Sibylle Vorderbrügge und Raimund Hörnle von „Deutschen Aktionsgruppen“ Molotowcocktails in ein Flüchtlingswohnheim für Vietnamesen in Hamburg. Zwei Bewohner erlitten schwere Verbrennungen und starben kurz nach.

Am 26.09.1980 beging der Rechtsterrorist Gundolf Köhler einen Sprengstoffanschlag auf das Münchner Oktoberfest und tötete dabei 12 Menschen und sich selbst. Mehr als 200 Menschen wurden verletzt.

Am 24.12.1980 erschoss der Rechtsterrorist Frank Schubert bei dem Versuch, Waffen über aus der Schweiz in die Bundesrepublik zu schmuggeln, erst einen Grenzsoldaten, dann einen Kantonspolitzisten und dann sich selbst.

So viel zur verdrängten Geschichte des Rechtsterrorismus in unserem Land.

Die Opfer vom 19.12. in Erlangen

Shlomo Lewin wurde 1911 in Jerusalem als Sohn eines Rabbiners geboren, wuchs aber in Deutschland auf, als sein Vater dahin berufen wurde. Er studierte Religionspädagogik in Breslau und Köln und war anschließend als Religionslehrer in jüdischen Gemeinden tätig. Lewin kam mach 1933 kurzzeitig in Schutzhaft, floh dann nach Frankreich und 1938 nach Palästina. Über seine Frau, Lilly Hirsch, die er 1933 geheiratet hatte, ist nicht bekannt, was aus ihr nach seiner Flucht wurde.

Nach dem Krieg schloss er sich der British Army in Palästina an und kämpfte dann bis 1948 in der Haganah für einen Staat Israel und arbeitete anschließend für das israelische Handelsministerium.

1960 kehrte Lewin nach Deutschland zurück. Dort wurde er Mitgründer eines Verlages (Ner Tamid – „Ewiges Licht“), den er später allein leitete. 1964 zog er nach Erlangen, ER lernte Frida Poeschke kennen, die Witwe des früheren Erlanger Oberbürgermeisters Michael Poeschke. Sie wurde seine Lebensgefährtin.

Gemeinsam setzten sie sich für den christlich-jüdischen Dialog ein, er u.a. als Vorsitzender der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit in Franken. Mehrere Jahre war er im Vorstand der Nürnberger Jüdischen Gemeinde tätig, zwei davon als deren Vorsitzender. Er wurde mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Lewin trat öffentlich mehrfach gegen Neonaziumtriebe in Franken und darüber hinaus auf, u.a. bei Protesten gegen einen „Auschwitz-Prozess“ als Gründer eines Antifaschistischen Aktionskomitees, als Redner bei Kundgebungen und als Warner gegenüber den Medien. Er war als engagierter Antifaschist bekannt:

„Also, liebe Bürger, wir dürfen ihnen nicht die Gelegenheit geben, ihre Lügen weiterzuverbreiten. Wir müssen sie mundtot machen. Wir wollen keine körperliche Gewalt. Das wollen wir nicht. Aber wir wollen die Macht unserer Solidarität. Nur dadurch können wir erreichen, dass diese unwürdigen Geschöpfe aus unserer Mitte endlich zum Schweigen und zur Erfolglosigkeit gebracht werden. Es gibt für uns nur einen einzigen Ruf: Wehret diesen Anfängen, damit wir nicht wieder einen Faschismus in unserem demokratischen Deutschland bekommen.“ (am 06.08.1977 auf dem Nürnberger Rathausmarkt, nach Ulrich Chaussy, Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen, 2020)

Vor seiner Ermordung war er an einer Neugründung einer Israelitischen Kultusgemeinde in Erlangen beteiligt. Durch den Mord stoppte dieser Plan und erst 1997 kommt es zu einer Gründung.

Das rechtsterroristische Umfeld

Die Neonaziszene in den 70er Jahren war zahlreich, gewalttätig und blieb dennoch lang unbeachtet. Insbesondere die Wehrsportgruppe Hoffmann (1937 gegründet, 1980 durch Innenminister Baum verboten) entwickelte sich mit 400 – 600 Mitglieder zum Zentrum vielfältiger terroristischer Aktivitäten und zur größten paramilitärischen Neonazi-Organisation im Nachkriegsdeutschland.

https://de.wikipedia.org/wiki/Wehrsportgruppe_Hoffmann

Militärische Übungen, Märsche und Kundgebungen, gewalttätige Angriffe, Holocaustleugung und Beteiligung an Morden zählten zum Repertoire dieser teils uniformierten Truppe. Zum Umfeld zählen u.a. Michael Kühnens ANS/NA, Manfred Roeders Freiheitsbewegung Deutsches Reich, Erwin Schönborns Kampfbund Deutscher Soldaten, Friedhelm Busses Volkssozialistische Bewegung Deutschlands / Partei der Arbeit, Wolf-Dieter Eckarts Freundeskreis der NSDAP und Gary Laucks NSDAP/AO.

Der Oktoberfestattentäter Gundolf Köhler war in der WSG, der Vizechef Uwe Behrendt, der Mörder von Lewin und Poeschke war der Vizechef der WSG. Auch Helmut Oxner, der 1982 bei einem Terroranschlag drei Menschen erschoss und viele verletzte, war WSG-Anhänger.

Diese Neonaziszene wurde jahrelang verharmlost und kleingeredet, der bayrische Ministerpräsident Franz-Josef Strauß sprach von „Pfadfinderspielen“. Das Ergebnis war die jahrelange Umdeutung des Oktoberfestattentats zum Anschlag eines Einzeltäters aus persönlichen Motiven. Ausschließlich auf Betreiben von Antifaschisten und des Autor Ulich Chaussy kam es ab 2014 zu neuen Ermittlungen –ein unglaublicher Skandal.

Der Mörder von Erlangen:

Uwe Behrendt, der Vizechef der WSG wurde Monate nach dem Mord als Täter ermittelt. Indizien und Zeugenaussagen gab es genug. Da die Polizei aber nicht in Richtung Rechtsterrorismus ermittelte wurde sie auch nicht fündig.  So hinterließ er eine Sonnenbrille am Tatort, vernichtete gemeinsam mit Hoffmanns Freundin Beweismaterial und gestand Hoffmann den Mord. Das Motiv war Antisemitismus.

Behrendt floh in ein Lager der WSG in den Libanon und war dort u.a. an der Folterung und dem Tod des Neonazis Kay Uwe Bergmann beteiligt. Im September 1981 beging er im Libanon Suizid.

Der PLO-Connection der Wehrsportgruppe und der Neonaziszene verdient eine eigene Betrachtung.

Der ‚zweite Mord‘: Verleumdung statt Ermittlung – der Jude ist schuld

Sofort nach seiner Ermordung diskreditierten Polizei und Medien Lewin, lenkten die Ermittlungen in die falsche Richtung und beschädigten die gesellschaftliche Solidarisierung mit dem jüdischen Opfer eines rechtsextremen Mordes.

Schon am Tatabend zitierte ein Journalist einer Nachrichtenagentur „informierte Kreise“: Sie vermuteten, Lewin sei ein Agent gewesen. Die Erlanger erschienen am 20. Dezember 1980 mit der Titelschlagzeile „Ex-Adjutant Mosche Dajans hingerichtet.“ Die Nürnberger Nachrichten am 22. Dezember 1980: „Viele Fragezeichen im Leben des Shlomo Lewin“, es werde über „Ungereimtheiten seiner schillernden Vergangenheit gerätselt“. Am 23. Dezember 1980 behauptete die Nürnberger Zeitung mit Berufung auf israelische Zeitungen, ein ungenannter ehemaliger Mossadagent habe Lewins Agententätigkeit dementiert. Der Autor legte einen Fememord aus Agentenkreisen nahe und setzte den Ermordeten herab: „Wenn Neonazis oder Palästinenser eine maßgebliche jüdische Persönlichkeit der Bundesrepublik für einen Fememord ausgesucht hätten, so gäbe es wichtigere und einflussreichere als Lewin.“

Am 22. Dezember 1980 stellte Israels Regierung klar, dass Lewin weder Mossadagent noch Adjutant des Verteidigungsministers gewesen war. Nun spekulierten die Erlanger Nachrichten, orthodoxe Juden könnten hinter dem Mord stecken, weil Lewin mit einer Christin zusammengelebt hatte. In seiner undurchsichtigen Biografie sei sogar sein Alter unklar, und „seine Familie in Israel“ habe wenig zur Klärung beigetragen. Die an die Medien durchgesteckten Falschmeldungen bewirkten sofort antisemitische Reaktionen. So erhielt Erlangens Oberbürgermeister am 20. Dezember 1980 einen Hassbrief, der das Mordopfer unter dem Betreff „Gekillerter Israeli, samt Hure“ wüst beschimpfte und ihm die deutsche Staatsbürgerschaft absprach. Am selben Tag erhielt der Shoa-Überlebende Arno Hamburger und Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Nürnberg drei anonyme Morddrohungen am Telefon. Ein Anrufer bepöbelte ihn als „Du verfluchte Judensau“. Statt den Bedrohten zu schützen, verhörte das LKA Bayern Hamburger dann als Verdächtigen.

Bei der Trauerfeier am 25. Dezember 1980 verhörten Polizeibeamte viele Trauergäste, darunter den Kantor Baruch Grabowski, den Trauzeugen und Shoa-Überlebenden Josef Jakubowicz und seinen Sohn. Sie nahmen Henry Majngarten, den Vorsitzenden des lokalen jüdischen Fußballclubs, an seinem Arbeitsplatz fest. Die Ermittler mutmaßten, die Mordopfer könnten andere Juden mit Kenntnis von Straftaten erpresst haben. Es könne um „finanzielle Unregelmäßigkeiten“ in der jüdischen Gemeinde gegangen sein. In der Annahme, Lewin habe „kompromittierendes Material gesammelt oder aufbewahrt“, durchsuchten sie den Keller seiner Wohnung. Statt vermutete „wertvolle Hinweise auf den möglichen Täterkreis“ fanden sie dort nur reguläre Karteien für Lewins Kleinverlag Ner Tamid.

Trotzdem hielten sie die Annahme eines jüdischen Mordkomplotts fest und verwiesen im Zwischenbericht vom Januar 1981 auf „seit Jahren bestehende Spannungen“ in der Kultusgemeinde. Auf Nachfrage von Israels Regierung zum Ermittlungsstand antwortete die Staatsanwaltschaft Nürnberg, man halte weiter persönliche wie politische Motive für möglich, „Tendenz: persönliche Motive“. Sie verschickte eine Tabelle an alle Landeskriminalämter, die Lewins Partnerschaften, eine Scheidung, eine zweite Ehe in Israel und ein uneheliches Kind vermerkte. Am 8. Januar 1981 behauptete Staatsanwalt Brunner, Lewin habe einen „bunten Lebenslauf“ gehabt, und verdächtigte seine israelische Ehefrau: Zwischen ihr und Lewin habe „ein tiefgreifender Hass“ bestanden. Der ddp gab dies bundesweit weiter.

Bis dahin hatten die Ermittler keine Analyse zur örtlichen Neonaziszene erstellt!

(auf Basis des Wikipediaeintrags und des Buches „Ein antisemitischer Doppelmord“ von Uffa Jensen)

Was wichtig bleibt

Morde von Nazis werden individualisiert und entpolitisiert. Den Blick in rechtsextreme Strukturen und Verbindungen sparen sich Staatsanwälte und Medien gerne. Das ist bis heute nicht grundsätzlich anders.

Rechtsterroristische Morde und Anschläge werden verdrängt oder vergessen. Wer weiß heute noch von dem Brandanschlag auf ein jüdisches Altenheim in München 1970? Dem antisemitischen Massenmord fielen sieben Bewohnerinnen und Bewohner zum Opfer. Die Täter sind bis heute nicht bekannt.

Mit Blick auf die Entwicklungen in der rechtsextremen Szene in Deutschland, ihre rasante Radikalisierung und ihr Zuwachs in den letzten Jahren, lohnt sich ein Blick in die Geschichte des Rechtsterrorismus. Vieles was man heute als undenkbar einschätzt, war schon einmal da. Und militante Neonazis haben noch nie vor Gewalttaten und – wie man sieht – auch nicht vor Morden zurückgeschreckt.

Und: Antisemitismus war virulent und ist virulent. Bisher sind es einzelne Übergriffe und eher spontane Gewaltakte. Die Nachkriegsgeschichte zeigt, dass das nicht dabei bleiben muss. Und dass man „dem Juden“ so ziemlich alles nachsagt, daran hat sich leider bis heute nichts verändert.

Zum Weiterlesen:
– Uffa Jensen: Ein antisemitischer Doppelmord. Die vergessene Geschichte des Rechtsterrorismus in der Bundesrepublik, Berlin 2022
– Ronen Steinke: Terror gegen Juden. Wie antisemitische Gewalt erstarkt und der Staat versagt, Berlin 2020
– Ulrich Chaussy: Das Oktoberfest-Attentat und der Doppelmord von Erlangen. Wie Rechtsterrorismus und Antisemitismus seit 1980 verdrängt werden, Berlin 2020