Der große Terror – Eine Revolution frisst ihre Kinder

Beim Blättern in alten Büchern…

1928 erschien im „Deutscher Verlag Willi Münzenberg“ die erste Auflage des Standardwerkes „Illustrierte Geschichte der Russischen Revolution 1917“. Großformatig, an die 600 Seiten, etwa 250 Illustrationen (Fotos) und natürlich die Geschichte der Sieger, die der Bolschewiki. Der Verlag von 1913 ging 1923 an Willi Münzenberg über und wurde ein Teil der IAH, der Internationalen Arbeiterhilfe. Das war eine Organisation um Umfeld der KPD und organisierte Hilfs- und Sozialleistungen für Arbeiter.

Das eigentlich Interessante an dem Buch, das man heute noch antiquarisch als Original oder als einen Reprint aus den 70er Jahren erwerben kann, ist neben dem Verlag, der Kreis der Herausgeber und der Autoren: „Astrow, W., A. Slepkow und J. Thomas“ (Hrsg.) und „Mit Beiträgen von Blagonrawow, Bucharin, Engelhardt, Kajurow, Krylenko, Lenin, Lunatscharski, Olminski, Rachja, Raskolnikow, Saleschski, Sarabjanow, Schenewski, Serebrjanski, Stalin, Trotzki, Wermenischew, Wladimirowa u.a.“

Spätestens beim Namen Trotzki wird man hellhörig und das Bild verstärkt sich noch, wenn man einige der Reproduktionen in dem Band betrachtet und abgebildete Köpfe sieht:

So wird das Präsidium des VI. Kongresses der der „Russischen Sozialdemokratischen Arbeiter-Partei (Bolschewiki) abgebildet: W. I. Uljanow-Lenin, G. E. Sinowjew, L.  D. Trotzki, L. B. Kamenew, A. M. Kollontay (die einzige Frau), A. W. Lunatscharski, M. S. Olominski, I. W. Stalin, J. M. Swerdlow, Jurenew, G. I. Oppokow-(Lomow).

Dann ab S. 334 in kurzen Einzelportraits F. E. Dzerschinski, J. W. Stalin, G. E. Sinowjew, L. D. Trotzki, N. L. Bucharin.

Und dann findet sich noch der „erste Rat der Volkskommissare“ (1917) in einer Fotozusammenstellung: W. P. Miljutin, W. P. Nogrin, N. P. Awilow-Glebow, , G. L. Lomow, F. M. Dybenko, L. D. Trotzki, I. W . Stalin, N. W. Krylenko, W. A. Antonow-Owsejenko, W. I. Lenin, A. I. Rykow, A. G. Schlapnikow, N. A. Teodorowitsch, A. W. Lunatscharski, I. I. Sworzow-Stepanow.

Ich habe mir – ohne allzu großen Rechercheaufwand mal ein paar der 1917 siegreichen und hier 1928 ausgeführten führenden Bolschewiki angeschaut.

In den beiden Listen unten finden sich die Personen, die ich finden konnte und die Rahmen des „Großen Terrors“ 1936 bis 1938 ermordet hingerichtet wurden. (https://de.wikipedia.org/wiki/Gro%C3%9Fer_Terror_(Sowjetunion))  Für alle, die sich je mit dem Stalinismus auseinandergesetzt haben, ist das Ergebnis keine allzu große Überraschung: Große Teile der Funktionärsschicht, die noch aus der russischen Revolution kam, wurden in den Säuberungen verhaftet und erschossen.

Ob das heute noch von Bedeutung ist? Ich meine ja. Der Terror eines Putin und des heutigen Russlands lässt sich nur aus der Gewaltgeschichte der Sowjetunion erklären.

Unter den Autoren:

  1. Alexander Nikolajewitsch Slepkow: Am 26. Mai 1937 in Moskau im Zuge der Stalinschen Säuberungen hingerichtet
  2. Georgi Iwanowitsch Blagonrawow: Im Zuge der Stalinschen Säuberungen 1938 verhaftet und am 16. Juni 1938 in Moskau hingerichtet
  3. Nikolai Iwanowitsch Bucharin: Erschossen am 15.März 1938 im Zuge Stalinscher Säuberungen als Teil des „Blocks der Rechten und Trotzkisten“
  4. Michail Kajurow: 1932 aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen, 1936 weigerte er sich, eine Reihe von Verbrechen zu gestehen und wurde erschossen
  5. Nikolai Wassiljewitsch Krylenko: Wurde von einem Militärkollegium des Obersten Gerichtshofes am 29. Juli 1938 zum Tode verurteilt und sofort erschossen
  6. Eino Rachja: 1935 wegen Alkoholismus aus der Armee entlassen und 1936 zum Tode verurteilt, starb vor einer möglichen Hinrichtung eines natürlichen Todes
  7. Fjodor Fjodorowitsch Raskolnikow: Starb 1938 während eines Krankenhausaufenthalts durch einen „Fenstersturz“, vermutlich durch Agenten des NKWD
  8. Leo Trotzki: 1940 durch einen Agenten des NKWD in Mexiko im Exil ermordet, Urheber des „Trotzkismus“

Unter den Abgebildeten:

  1. Grigori Jewsejewitsch Sinowjew: Am 25.August 1936 im Zuge Stalinscher Säuberungen verhaftet und hingerichtet
  2. Lew Borissowitsch Kamenew: Am 25.August 1935 im Zuge Stalinscher Säuberungen verhaftet und hingerichtet
  3. Konstantin Konstantinowitsch Jurenew (?): wurde 1938 im Rahmen der Stalinschen Säuberungen hingerichtet
  4. Georgi Ippolitowitsch Oppokow: 1938 im Rahmen der Stalinschen Säuberungen verhaftet und am 30.Dezember 1938 erschossen
  5. Nikolai Iwanowitsch Bucharin: 1937 im Zuge der Stalinschen Säuberungen verhaftet und am 15.März 1938 erschossen
  6. Wladimir Pawlowitsch Miljutin: Am 30. Oktober 1936 im Zuge der Stalinschen Säuberungen erschossen
  7. Nikolai Pawlowitsch Glebow-Awilow: Während der Stalinschen Säuberungen wurde er 1937 hingerichtet
  8. Georgi Ippolitowitsch Lomow: Am 30. Dezember 1938 im Zuge der Stalinschen Säuberungen hingerichtet
  9. Pawel Jefimowitsch Dybenko: 1938 verhaftet, wegen angeblicher Verschwörung zum Tode verurteilt und hingerichtet, zeitweise Ehemann Alexandra Michailowna Kollontai
  10. Alexandrowitsch Antonow-Owsejenko: Wurde 1938 im Rahmen der Stalinschen Säuberungen hingerichtet
  11. Alexei Iwanowitsch Rykow: Am 15. März 1938 im Rahmen der Stalinschen Säuberungen hingerichtet
  12. Alexander Gawrilowitsch Schljapnikow: 1935 zu Haft verurteilt, 1937 wegen Beteiligung an „terroristischen Verschwörungen“ zum Tode verurteilt, am 2. September 1937 in Moskau erschossen
  13. Iwan Adolfowitsch Teodorowitsch: Opfer der Großen Säuberungen unter Stalin und 1937 hingerichtet

Und nicht zu vergessen der Herausgeber – Willi Münzenberg: Ein deutscher Politiker (KPD), Verleger und Filmproduzent. Mit dem Neuen Deutschen Verlag, den Zeitungen Welt am Abend, Berlin am Morgen und vor allem der Arbeiter-Illustrierten-Zeitung (A-I-Z), gehörte Münzenberg zu den einflussreichsten Vertretern der KPD in der Weimarer Republik. Er wandte sich nach 1937 von der offiziellen Parteilinie ab, wurde ein Jahr später statutenwidrig aus dem ZK der Partei ausgeschlossen und trat 1939 aus der KPD aus. Das Rätsel des Todes Münzenbergs im Juni 1940 in Frankreich auf der Flucht (Selbstmord, Mord durch Gestapo- oder NKWD-Agenten) ist nach Einschätzung von Historikern nach wie vor ungeklärt.