Bei all dem aktuelle Gerangel am „Antizionismus“, „Genozid“, „Völkermord“ etc. geht immer häufiger unter, dass die Debatte auch eine jüngere Geschichte hat. Und die zu unterschlagen, scheint eines der Hauptanliegen der selbst erkorenen „Freiheitskämpfer“ für die palästinensische Sache zu sein. Konkret geht es um das Massaker vom 07.Oktober 2023, als Terroristen der Hamas in Israel einfielen und wahllos wehrlose Menschen ermordet, vergewaltigt und verschleppt haben. Mit dieser Umdeutung des Massakers und seiner Verdrängung aus der öffentlichen Wahrnehmung setzt sich jetzt ein Sammelband auseinander:
„Umkämpfte Geschichte – Einsprüche gegen die Umdeutung
des 7.Oktober“, Hrsg. Klaus Bittermann und Christoph Hesse, Edition Tiamat, Berlin 2026

Die Soziologin Eva Illouz setzt sich in ihrem Aufsatz „Ist Antizionismus eine Form des Antisemitismus?“ (zuerst veröffentlich 2025 in der SZ) ein weiteres Mal mit einer der Gretchenfragen der Diskussion insbesondere im linken Lager auseinander. Da geht es insbesondere um die Versuche, Antisemitismus als den bösen, irrationalen Judenhass erscheinen zu lassen und Zionismus zu einer politischen Ideologie zu erklären, mit der Kolonialismus, Besatzung und ein angeblicher Völkermord verbunden sein sollen. Dass das weder historisch noch aktuell zutrifft, beschreibt Illouz prägnant und überzeugend: „Der scheinbare Keil zwischen politischer Meinung und (Antizionismus) und illegitimen Hass (Antisemitismus) verschleiert die Kontinuität zwischen beiden und haucht dem Antisemitismus wieder neues Leben ein.“
Zugegebenermaßen alles nicht wirklich neu, aber da sich die Argumente des Antizionismus seit über 30 Jahre in einer Endlosschleife wiederholen, leider notwendig und durch Illouz einfach und prägnant zusammengefasst.
„Go back tot Poland!“ lässt sich in den letzten Monaten immer wieder mal vernehmen. Gemeint ist die Aufforderung an Israels Jüdinnen und Juden ihr Land zu verlassen und dahin zu gehen, wo ihre europäischen Vorfahren nahezu ausgerottet wurden. Philipp Lenhard nimmt sich des Vorwurfs des „Siedlerkolonialismus“ an. Am Beispiel des auch in Deutschland veröffentlichten und gern gelesenen und zitierten Historikers Rashid Khalidi („Der Hundertjährige Krieg um Palästina. Eine Geschichte von Siedlerkolonialismus und Widerstand“, Zürich 2024) korrigiert er Desinformationen und Geschichtsvergessenheit beim Kolonialismusvorwurf und bei der angeblichen Opferrolle der Palästinenser. So planten die eingewanderten Zionisten keine Ausbeutung, Unterdrückung oder Vertreibung der nichtjüdischen Arbeiter Palästinas. Im Gegenteil, bis 1947 gab es sogar eine arabische Immigration nach Palästina (zwischen 1931 und 1947 zwischen 100.000 und 200.000). Und dass vor allem in den 50er Jahren hunderttausende Jüdinnen und Juden aus der muslimischen Welt auf der Flucht nach Israel migrierten, unterschlägt Khalidi (wie auch viele ähnlich orientierte Autorinnen und Autoren) völlig.

Norman J.W. Goda (amerikanischer Historiker), Bubo Chaouat (Professor für französische Literatur), eva Illouz und Jeffrey Herf (Historiker) arbeiten sich i in weiteren Aufsätzen am Vorwurf des Genozids oder des Völkermords durch Israel ab. Wo an sich schon der gesunde Menschenverstand und etwas historisches Wissen die Verwendung der Begriffe allenfalls mit ganz vielen Fragezeichen zulässt, ordnen die Autoren/innen ein: „Genozid“ im postkolonialen Denken, Verharmlosung der Hamas durch Genozidvorwürfe, „Völkermord‘ im historischen Vergleich…. Dabei wird nicht angezweifelt, dass in Israel Rechtsextremisten an der Regierung beteiligt sind und sich auch öffentlich rassistisch und menschenfeindlich positionieren, ebenso wenig wie die brutale Reaktion des Krieges in Gaza mit seinen wahrscheinlichen Kriegsverbrechen nicht geleugnet wird.

Der Autor Paul Berman und der Essayist Pascal Bruckner tauchen in die Tiefen der antiimperialistischen und antikolonialen Diskurse ein: Berman indem er Franz Fanon vor vielen seiner Interpreten in Schutz nimmt und den Umgang der US-amerikanischen Universitätswelt mit dem 07.10. analysiert und Berman durch seinen Blick auf die Verwendung des Kampbegriffes Zionismus vom Stalinismus zum radikalen Islam bis zu Studierenden und Intellektuellen heute: „An diesem östliche Ufer des Mittelmeers geht es Intellektuellen, Studenten und Politikern weniger darum, einen konkreten Konflikt zu untersuchen – einen Immobilienstreit zwischen zwei gleichberechtigten Eigentümern, wie es Amos Oz so treffend formulierte -, als vielmehr mit der westlichen Kultur abzurechnen.“
Klaus Bittermann beschreibt in einem seiner beiden Texte „Die Radikale Linke als Avantgarde des Antisemitismus“ und schlägt dabei einen Bogen vom SDS der Endsechziger, über die RAF und die Bewegung Schwarzer September bis zur Verklärung der palästinensischen Terroristin Leila Khaled, deren Konterfei in Kufija und mit Waffe bis heute immer wieder auf Palästinademonstrationen zu sehen ist. (Als jemandem, der auch schon etwas länger politisch unterwegs ist, fallen mir sofort die Antisemitismusdebatte in der Linken zu Beginn der 90er Jahre und die Diskussionen zu Attac und Antisemitismus ein.)

Also in Kürze: Auf 300 Seiten viel Stoff von etwa 15 sehr unterschiedlichen Autorinnen und Autoren, die eines gemeinsam haben: Die Erinnerung an das Massaker vom 07.10.2023 aufrechterhalten und den Antisemitismus – in welcher Spielart auch immer – bekämpfen.
Lohnt sich für ‚Einsteiger‘ ins Thema! Wer sich schon länger mit der Geschichte des Antisemitismus auseinandergesetzt hat, erfährt dagegen nicht ganz so viel neues.
Hier noch eine Rezension des Sammelbandes auf Hagalil: „Einsprüche gegen die Umdeutung des 7. Oktober“ von Armin Pfahl-Traugber.
Und wer noch mehr zum Thema Antizionismus und Antisemitismus aus wissenschaftlicher Perspektive lesen möchte, mag sich dieses Buch mal anschauen:
Stephan Grigat | Karin Stögner [Hrsg.]: „Projektiver Antizionismus – Antisemitismus gegen Israel vor und nach dem 7. Oktober“, Nomos Verlag Baden-Baden 2025
Das Schöne daran: Man muss für die 600 Seiten nicht die ausgeschriebenen 139 Euro investieren. Es gibt einen kostenlosen, legalen Download!
Sebastian Wertmüller