Sonderheft konkret – „Israel und die antisemitische Internationale“

Vor wenigen Jahren, direkt nach dem Überfall Russlands auf die Ukraine, habe ich die linke Zeitschrift konkret abbestellt. Als langjähriger Leser hatte ich da schon viele Irrwege des Blattes begleitet und verkraftet: Ich habe die Zeit eines Chefredakteur Manfred Bissinger überlebt, habe konkret-Sonderhefte zu „Sonne statt Reagan“ und zu Sport ausgehalten, habe die manchmal innige Liebe zur Sowjetunion und auch sonst einiges Verschrobene weggesteckt – weil die grobe Richtung stimmte: Gegen den Mainstream, gegen Antisemitismus, für die ständige Erinnerung an den Nationalsozialismus und seine Täter und weil es einige außerordentlich gute Autorinnen und (mehrheitlich) Autoren gab.

Aber dann war es doch zu viel: Im März 2022, direkt nach dem russischen Überfall kam konkret mit diesem Titel auf den Markt „Go East! Die NATO-Aggression gegen Russland“.

Nun ging die Ausgabe in Druck, bevor die Russen loslegten und das konnte die Redaktion ja nicht ahnen – die politische Einschätzung aber war schon vorher da. Und auch als einige Autoren wegen des Titels kündigten und einige Leser/innen per Abokündigung ihren Abschied erklärten blieb konkret bei seiner Haltung. Ganz im Einklang mit den Putinfreunden aus der Linken, der sog Friedensbewegung und der AfD wurde die eigentliche Aggression nicht in den Panzern, Granaten und Raketen der roten Armee gesehen, sondern bei der NATO, der Ukraine, beim Westen.

So viel zur länglichen Vorrede: Aber jetzt hat die Zeitschrift, die es inzwischen nur noch online gibt, ein selten klares Werk an die deutschen Kioske gebracht, das es zu würdigen gilt: Ein Sonderheft unter dem unmissverständlichen Titel „Kriegszustand. Israel und die antisemitische Internationale“ liegt gedruckt vor und kann beim Verlag bestellt werden.

Allein die Tatsache der Veröffentlichung heutzutage verdient Lob: Ganz klar und ohne Abstriche gegen Antisemitismus, solidarisch mit Israel (für alle Falschleser: solidarisch mit Israel, nicht mit der Regierung) und kritisch zu den ganzen sonderbaren Auswüchsen der letzten Jahre. Da geht es um queere Aktivisten/innen im Einsatz für Gaza (und die Hamas), um „Kufija Culture“ im Kulturbetrieb, um die Beschlusslage der Linkspartei, die fachliche Definitionen in Parteitagsbeschlüssen festschreibt, um projektive Krisenverarbeitung im Spätkapitalismus („Rothschild war’s“) und um die Berichterstattung in den Medien.

Also alles Artikel, die bei all denen, denen im Zusammenhang mit Israel Wörter wie Genozid, Völkermord, Apartheid, Holocaust aus dem Bauch brechen, eher Wutgefühle auslösen werden (die aktuelle Beschimpfung heißt dann „Zionazi“ oder so). Gut so.

Nicht jeder Aufsatz in dem Heft trifft ins Schwarze, manches ist formatbedingt arg knapp -und hätte eine längere Ausführung verdient.

Aber entscheidend ist, dass endlich mal eine harte, auch polemische Kritik aus der Linken am universalen Antisemitismus gedruckt als ‚Massenware‘ vorliegt. Dafür kann man konkret nur loben.

Die Selbstverständlichkeit, mit der inzwischen Auftritte jüdischer Künstler/innen und Wissenschaftler/innen gecancelt werden, die Normalität, die antisemitisches Geschmiere angenommen hat, das Wegtauchen Linker und Liberaler, wenn es um Juden geht, das penetrante Verweisen auf israelische Kriegsverbrechen, wenn an die die Shoah erinnert wird… All das braucht auch mal eine harte Kost als Reaktion und konkret hat geliefert.

Zwei, drei kritische Anmerkungen müssen aber sein: Es gibt auch Frauen, die sich eindeutig und klar mit Antisemitismus auseinandersetzen. Unter den Autoren konnte ich nur eine und zwei Interviewte entdecken. Da geht sicher noch mehr.

Und: Leider verfolgt konkret mit dem Sonderheft eine nicht so hübsche Praxis anderer Zeitungen und Zeitschriften – die der Zweitverwertung veröffentlichter Texte. Nahezu alle Texte erschienen in den letzten Monaten in der konkret. Das macht mir als Ex-Leser wenig aus, aber etwas mehr Aktualität und mehr Eigenständigkeit der Publikation wären schon schön gewesen.

Ein Beitrag zu neostalinistischen linken Gruppen mit ihrem kruden Antiimperialismus und identitären Befreiungsnationalismus hätte auch gutgetan.

Aber es bleibt bei der Gesamtbilanz: Eine hilfreiche Publikation, die polarisiert, zur Debatte herausfordert und an Klarheit nichts zu wünschen übrig lässt.

Sebastian Wertmüller, April 2026