Es gibt Schriftstellerinnen und Schriftsteller, die einem drohen, verloren zu gehen. Manchmal sind ihre Bücher schon vor einigen Jahren oder Jahrzehnten erschienen und man hat sie schon länger nicht mehr gelesen. Manchmal werden sie kaum noch neu aufgelegt – und wenn, nehmen es nur wenige zur Kenntnis. Und manche Autorinnen und Autoren gehen einfach verloren in dem alltäglichen Datenmüll, der über die digitalen Medien über einen hereinbricht.
Einer dieser Autoren ist mir dabei vor dem eigenen Bücherregal wieder vors Auge geraten und da merkt man erst, was so was haptisches, wie ein Regal mit Büchern, für enorme Vorteile hat…
Der eine ist der Autor Edgar Hilsenrath, der vor 100 Jahren 1926 in Leipzig geboren wurde und 2018 in Wittlich gestorben ist.
An ihn möchte ich gerne erinnern und vor allem auf seine Bücher hinweisen, die sich auch heute noch zu lesen lohnen.
Nacht
Mein persönlicher Einstieg war der Roman „Nacht“, erschienen in Deutschland zuerst schon 1964, wieder aufgelegt 1978.
Das Buch ist schwere Kost: Es schildert das Überleben in einem rumänischen Getto 1942. Es geht um das Verhungernlassen der Jüdinnen und Juden, um Jagden der SS auf Obdachlose, um eine menschliche Hölle, in der nur noch das Überleben zählt. Der Roman ist ein Tatsachenroman, er bezieht sich auf die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung in den osteuropäischen Städten, die Gettos, die Deportationen, den Hunger, das Sterben.


Das Buch ist eng mit Hilsenrath Biografie verbunden: „1938 flohen er, seine Mutter und sein drei Jahre jüngerer Bruder Manfred zu den Großeltern nach Sereth in die Bukowina (Rumänien). Der Vater sollte ursprünglich nachkommen, was der Kriegsausbruch jedoch unmöglich machte; er gelangte nach Frankreich, wo er den Krieg überlebte. 1941 wurden Edgar Hilsenrath, sein Bruder und seine Mutter sowie all seine Freunde und Verwandten aus Sereth in das Ghetto Mohyliw-Podilskyj im rumänisch besetzten „Transnistria“ verschleppt.“ (Wikipedia)
Hilsenrath hat den Terror überlebt und darüber geschrieben. „Nacht“ war ein Welterfolg – was für Deutschland allerdings nur eingeschränkt und spät gilt.
Das Deutsche Allgemeine Sonntagsblatt (gibt es leider nicht mehr) rezensierte damals: „Ein Buch, das sensiblen Lesern Alpträume verursachen kann, aber auch ein spannend erzählter Roman, der keine vorzeitig aus dem Schrecken entlässt.“
Oder die FR 1978: „Hilsenrath erzählt mit einer Eiseskälte, die einem versteinerten Gott alle (Un-) Ehre machen würde. Spurensicherndes, hartes Imperfekt, ganz selten der Wechsel ins atmosphärisch-lockere Präsens. Kein Herausschreien, Herausbrüllen: Seht, was euer Faschismus angerichtet hat. Der Roman transportiert kein Wort Reflexion. Nur Bilder, Bilder, Bilder, die sich allein überlassen bleiben, nur durch sich selbst (und darum um so stärker) wirken. Dabei heischen sie nie nach dem Unbewußt- Emotionalen, sondern wenden sich an die Ratio, schnurstracks. Das ist gut so: Wenn zum Mitleiden nicht mit sentimentalen Tricks überredet werden muß, sondern Einsichten im Kopf zwangsläufig wachsen“
Der Nazi & der Friseur
Sein zweites Buch „Der Nazi & der Friseur“ machte ihn auch in Deutschland berühmt. Wie im Titel schon anklingt, ist der Roman eine Groteske über den Holocaust, die zuerst 1971 sehr erfolgreich in den Vereinigten Staaten erschien und 1977 in einem literarischen Kleinverlag in Deutschland herauskam. Warum so spät? Die deutschen Verlage (60 Verlage – als das Buch im Ausland schon eine Millionenauflage hatte!) lehnten das Manuskript ab, weil man so nicht über Juden schreiben dürfe. Auch nach Erscheinen wurde das Buch kontrovers diskutiert. Neonazis sollen sogar Lesungen gestört haben. Heinrich Böll rezensierte ihn positiv und dann gelang doch noch der Durchbruch in Deutschland.
Der SS-Mann Max Schulz führt als angesehen israelischer Bürger einen Friseursalon in Tel Aviv – so der Klappentext der Taschenbuchausgabe von 1990 – und das macht die Absurdität der Story schon deutlich.
„Mein Freund Itzig war blond und blauäugig, hatte eine gerade Nase, feingeschwungene Lippen und gute Zähne. Ich dagegen, Max Schulz, hatte schwarze Haare, Froschaugen, eine Hakennase, wulstige Lippen und schlechte Zähne.“
Ein Schelmenroman, eine Groteske, eine Perversion, bei der einem schnell das Lachen vergeht. Zugleich ein anderer Zugang zur Banalität des Faschismus, zur Banalität des Bösen.
(Und einen Hinweis kann ich mir nicht verkneifen: Wer die Bilder heutiger Faschisten und Rechtsextremisten vor Augen hat, kann da wenig Heroisches oder Dämonisches entdecken. Dafür aber ganz viel gutbürgerliche Feistigkeit und Selbstzufriedenheit, eine unglaubliche Banalität, gemischt mit Aggressivität, die einen Frösteln macht.)
„Der Nazi & der Friseur“ machte Hilserath endlich auch in Deutschland bekannt und sorgten für sechsstellige Auflagen


Das Märchen vom letzten Gedanken
Der 1989 erschienene Roman „Das Märchen vom letzten Gedanken“ bewegte sich dann in einer völlig anderen Welt. Das 600-Seiten Epos vom Leidensweg und Untergang des armenischen Volkes hat mich schwer beeindruckt. Inhaltlich und literarisch.
Es ist die Geschichte eines anatolischen Dorfes, das von den Türken vernichtet wird, erzählt als Märchen.
„Hauptfigur ist der Armenier Wartan Khatisian, dessen Sohn Thovma im Sterben liegt. Seinem letzten Gedanken – der letzte Gedanke eines Menschen, so heißt es im Märchen, stehe außerhalb der Zeit – wird die Geschichte seiner Vorfahren erzählt, der Leidensweg des armenischen Volkes. Der Märchenerzähler Meddah führt den letzten Gedanken Thovmas entlang der Lebensspuren seines Vaters, die aus einem kleinen idyllischen Bergdorf in die Folterkammern der türkischen Machthaber führen, und lässt ihn zum Zeugen des großen Pogroms an den Armeniern im Jahr 1915 werden.“ Wikipedia
Wer sich bisher nicht der Vertreibung und Ausrottung der Armenier auseinandergesetzt hat, erfährt einiges über einen der ersten systematischen Genozide des letzten Jahrhunderts. Bei Massakern durch die ‚Jungtürken‘ und Todesmärschen kamen dabei 1915 und 1916 nach unterschiedlichen Schätzungen zwischen mindestens 300.000 und mehr als 1,5 Millionen Armenier ums Leben. Die Gemetzel und das Sterben sind gut dokumentiert.
Hilsenrath gelingt es, aus dem historischen Ereignis eine bewegende Geschichte zu machen, die die Geschichte nicht verklärt, sie aber erzählbar macht. Er hat dafür viel Recherchearbeit in der Türkei und in Armenien betrieben:
„Ich wußte nichts von den Armeniern, mußte es aber genau wissen. Drei Jahre habe ich intensives Quellenstudium betrieben und dann das Buch in einem Jahr geschrieben.
Ich bin auch in der Türkei herumgereist. Das größte Problem, bestand darin, das Material erstmal zu finden. Es gibt ein paar historische Bücher in der Bibliothek, aber das wichtigste fehlte. Was aßen Armenier zum Frühstück, wie sah eine armenischer Wiege aus, Hochzeitsbräuche, wer wird Bürgermeister? Ich las historische Bücher, traf auf Dorfbeschreibungen. Missionare zogen im 19. Jahrhundert durch die Dörfer. Da fällt hier und da ein Satz. Ich habe mir die Quellen wie ein Puzzlespiel zusammengesetzt bis ich eine klare Vorstellung hatte.“ (Hilsenrath in einem Interview in der FR 1990)
Der Autor erhielt für diesen bis heute gut lesbaren Roman mehrere Preise.


Werke
Natürlich hat Hilsenrath noch mehr geschrieben, ich will auf die Bücher nicht einzeln eingehen (ein paar davon habe ich gelesen), aber einige hier erwähnen:
- Moskauer Orgasmus
- Fuck America. Bronskys Geständnis
- Zibulsky oder Antenne im Bauch
- Jossel Wassermanns Heimkehr
- Die Abenteuer des Ruben Jablonski
Einige Werke von Hilsenrath sind antiquarisch im Netz erhältlich. Es gab (gibt?) sogar eine Werkausgabe, die vor ein paar Jahren in einem kleineren Verlag erschienen ist.
Leben
Zurück zu Hilsenraths Leben, das sich in seinem autobiografischen Roman „Die Abenteuer des Ruben Jablonski“ gut nachvollziehen lässt:
„Als das Ghetto im März 1944 von der Roten Armee befreit wurde, wanderte er zu Fuß zurück nach Sereth und von dort weiter nach Czernowitz. Über die Organisation Ben Gurion gelangte Hilsenrath zusammen mit weiteren jüdischen Überlebenden und mit fremden Pässen nach Palästina. Sowohl auf seinem Weg dorthin als auch in Palästina selbst geriet er mehrmals in Gefangenschaft, kam jedoch jedes Mal nach kurzer Zeit wieder frei. (…)

In Palästina lebte er als Gelegenheitsarbeiter, wurde dort jedoch nicht heimisch und beschloss, 1947 zu seiner mittlerweile wiedervereinten Familie nach Lyon zu fahren, wo er auf Wunsch seines Vaters das Kürschnerhandwerk erlernte. In den frühen fünfziger Jahren emigrierte er nach New York. Dort bestritt Edgar Hilsenrath durch Gelegenheitsarbeiten seinen Lebensunterhalt, gleichzeitig schrieb er seinen ersten Roman Nacht. 1975 kehrte Edgar Hilsenrath der deutschen Sprache wegen zurück nach Deutschland und lebte von da an in Berlin.“ (Wikipedia)
Edgar Hilsenrath ist eine (Wieder)Entdeckung wert. Wegen der Inhalte seiner Romane, aber auch aus literarischen Gründen. Ein Roman ist keine Dokumentation und – wichtiger noch – eine Doku ersetzt niemals einen Roman. Auch Romane über das absolute Grauen wie die Shoah sind literarische Werke, die etwas anderes bewegen, als reine Information auf Faktenebene. Vielleicht tragen sie auch deshalb zum Verständnis des Unverstehbaren bei. Deswegen Lesetipp.