Artur London, Stalinismus, Antisemitismus und das Elend des Kommunismus

„….trotzkistisch-titoistische, zionistische, bürgerlich-nationalistische Verräter und Feinde des Volkes….“

1970 erschien beim Verlag Hoffmann und Campe ein Buch, das mir leider erst dieses Jahr in die Hände gefallen ist: Artur London. Ich gestehe. Der Prozeß um Rudolf Slansky. Auf 450 Seiten berichtet London, ein tschechischer Politiker und Kommunist zum einen über sein Leben, aber vor allem über seine Zeit der Inhaftierung, Folter, Verurteilung und Haft von 1951 bis 1956 im Rahmen des Prozesses um Rudolf Slánský.
Dabei handelt es sich um einen der großen stalinistischen Schauprozesse der Nachkriegszeit.

Wer war Artur London?

Wikipedia: „Artur London, tschechischer Politiker, Kommunist (1915 bis 1986), Stalinopfer. Er entstammte einer deutsch-jüdischen Kleinbürgerfamilie in Mähren. Er war ab den 1930er Jahren in der kommunistischen Jugendbewegung aktiv und kämpfte von 1937 bis 1939 für die Internationalen Brigaden im spanischen Bürgerkrieg. Ab 1939 lebte er in Frankreich, wo er sich nach der deutschen Besetzung Frankreichs im Zweiten Weltkrieg zusammen mit seiner französischen Frau Lise London (geb. Ricol) vor der Gestapo und der SS verstecken musste. Sie schlossen sich der Résistance an und beteiligten sich am Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Anfang 1943 wurden sie verhaftet und waren von 1943 bis 1945 im Konzentrationslager Mauthausen inhaftiert.

Artur London als Angeklagter

Nach dem Krieg lebte er zunächst in der Schweiz, 1948 zog er mit seiner Familie in die Tschechoslowakei, wo er ein Jahr später stellvertretender Außenminister wurde. Im Zuge der „Säuberung“ der KSČ, die vor allem die Juden unter den leitenden Mitgliedern betraf, wurde er 1951 verhaftet, gefoltert und wegen Hochverrat vor Gericht gestellt, wo er sich selbst der Spionage bezichtigen musste. Im Slánský-Prozess, der 1952 vor dem errichteten Staatsgericht verhandelt wurde, entging er der Todesstrafe und wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. 1956 wurde er freigelassen.

Im Jahr 1963 wurde London in der Tschechoslowakei rehabilitiert, im selben Jahr wanderte er mit seiner Familie nach Frankreich aus. 1968 veröffentlichte er das Buch L’aveu, das von seinen Erfahrungen in der stalinistischen Zeit berichtete. Es war ein großer Erfolg, wurde in verschiedene Sprachen übersetzt und 1970 in Frankreich verfilmt (Das Geständnis, Regie: Constantin Costa-Gavras, mit Yves Montand und Simone Signoret).“

London beschreibt sehr detailliert und präzise seine Inhaftierung 1951, die Zeit der Unsicherheit kurz davor, die Misshandlungen und Folter in der Haft, um Geständnisse zu erpressen, das Verfahren vor Gericht, die Verurteilung, die Inhaftierung und seine Befreiung nach Stalins Tod.

Was seinen autobiografischen Bericht u.a. auszeichnet, sind viele ausführliche Rückblenden, die sein Leben und seine Geschichte erkennbar machen: Die Entwicklungsgeschichte eines jungen Kommunisten, seine Einbindung in die Partei, ihre Ideologie und ihre Strukturen. Die Partei entscheidet, wer, wann, wo und wie politisch arbeitet. Auch sein Privatleben, die Beziehung zu seiner Frau Lise London (1916-2012), die Heirat, die Wohnungen und die Kinder beschreibt er. Zeitweise kämpfen sie gemeinsam, beide u.a. im spanischen Bürgerkrieg auf Seiten der Internationalen Brigaden und nach der deutschen Besetzung Frankreichs in der französischen Resistance. Dabei wurde sie von der französischen Polizei gefasst und an die Deutschen ausgewiesen. Sie wurde in die KZs Ravensbrück und Buchenwald deportiert. Bei einem Evakuierungsmarsch im April 1945 gelang ihr die Flucht.

Lise wurde in Frankreich als Kind spanischer Einwanderer geboren. Ihren späteren Mann Artur lernte sie 1934 oder 1935 in Moskau kennen, wo sie ihn 1935 auch heiratete. Ein Zeichen für den Internationalismus der kommunistischen Parteien in Europa – immer mit Moskau als Zentrum. Dorthin wurde man geholt und von dort wurde man zu neuen Einsätzen mit neuen Anweisungen wieder auf die Reise in Diensten der Partei geschickt. In Moskau wurde man geschult und für die Einsätze vorbereitet. Dorthin wurde man zum Bericht einbestellt, in Moskau wurde man kritisiert, ermahnt und immer häufiger festgenommen, gefoltert und verurteilt.

Insbesondere die Rückschau auf seine politische Sozialisation, seine Einsätze für die Partei, sein Kampf gegen den Nationalsozialismus, sein Mut und seine politische Überzeugung machen die Infamie seiner Verfolgung besonders deutlich. Das KZ zu überleben, um dann vom stalinistischen Terror verfolgt zu werden – eine Geschichte, die viele überzeugte Kommunisten erfahren mussten, ein Schicksal, das für viele mit ihrer Hinrichtung oder jahrzehntelangen Verbannung endete.

Der Slánský-Prozess

„Die Angeklagten „sind schuldig, dass sie längere Zeit hindurch bis zu ihrer Verhaftung sowohl in Prag als auch anderswo
I. sich alle nach und nach, teil untereinander, teils mit anderen Personen zu dem Versuch verbunden haben, die Selbständigkeit der Republik und die durch die Verfassung garantierte volksdemokratische Staatsordnung zu vernichten, wobei sie diese Ordnung in erheblichem Maße gefährdet und Slánský, Reicin und Šling zu diesem Zweck die Armee mißbraucht haben;
II. Slánský, Geminder, Frejka, Clementis, Reicin, London, Hajdů, Löbl, Margolius, Šling und Simone, sich einerseits nach und nach gemeinsam und mit anderen Personen vereinigt zu haben, andererseits mit einer fremden Macht und mit fremden Faktoren in der Absicht in Verbindung getreten sind, Staatsgeheimnisse zu verraten, und absichtliche Staatsgeheimnisse einer fremden Macht verraten zu haben, wobei sie diese Tat begangen haben, obwohl ihnen die Pflicht, Staatsgeheimnisse  zu wahren, ausdrücklich auferlegt wurde, oder dies sich aus ihrer Stellung ergab….“ (so geht das noch einige Zeilen weiter…)“
(Prozess gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörungszentrums mit Rudolf Slánský an der Spitze, Justizministerium Prag 1953)

Vierzehn Angeklagte gab es in dem Verfahren, vierzehn Männer wurden verurteilt, elf davon zum Tode. Und: Elf der Angeklagten waren Juden.
Slánský war der Generalsekretär der kommunistischen Partei Tschechiens KSČ, seine Mitangeklagten führend Funktionäre bzw. Regierungsverantwortliche Tschechiens, u.a. stellvertretende Minister.

PROZESS gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörerzentrums mit RUDOLF SLÁNSKÝ an der Spitze, Prag 1953

Der Vorwurf: „ daß sie als trotzkistisch-titoistische, zionistische, bürgerlich nationalistische Verräter und Feinde des Volkes, der volksdemokratischen Ordnungen des Sozialismus im Dienste des amerikanischen Imperialisten und unter Anleitung feindlicher westlicher Spionagedienste ein staatsfeindliches Verschwörerzentrum gebildet, die volksdemokratische Ordnung untergraben, den sozialistischen Aufbau gestört, die Volkswirtschaft geschädigt, (…), um sie vom festen Bündnis und Freundschaftsverhältnis zur Sowjetunion loszureißen(…), den Kapitalismus wiederherzustellen….“

Allein die Zusammenfassung der Anschuldigung lässt einen schaudern: So viel unverträglicher Unsinn in wenigen Sätzen verrät mehr über das geschlossene Wahnsystem einer terroristischen Herrschaft, denn über reale Verbrechen: „Trotzkistisch“ und „titoistisch“ und zugleich bürgerlich und nationalistisch und das alles im Dienste des US-Imperialismus… Es braucht schon viel Fantasie, um daraus Taten zu konstruieren und diese dann auch noch ‚“beweisen“ zu wollen.

Von Interesse ist der Slánský-Prozess, weil er gut dokumentiert ist: Berichte gibt es nicht nur von London, sondern auch vom Mitangeklagten und ebenfalls nicht zum Tode Verurteilten Eugen Löbl. Und es liegt das komplette Protokoll des Prozesses gedruckt auch in deutscher Sprache vor: „Prozess gegen die Leitung des staatsfeindlichen Verschwörungszentrums mit Rudolf Slánský an der Spitze“, Justizministerium Prag 1953

(Als neugieriger Mensch habe ich gegoogelt und konnte das ‚Werk‘ mit seinen 660 Seiten tatsächlich antiquarisch erwerben. Über den Erkenntnisgewinn mag man streiten – lesen kann man sowas ja nicht, ein Register gibt es nicht – aber unendlich viel Text. Aber diese monströse Ausgeburt einer Perversion der Rechtsstaatlichkeit in der Hand zu haben, war es mir wert!)

Cover der Dokumentation, Prag 1953

Eindrücke vom Verfahren nach Londons Bericht

London beschreibt präzise die Vernehmungstechniken. Insbesondere das sog Fließbandverhör kam zum Einsatz, um den Willen des Inhaftierten zu brechen: Stundenlange Verhöre, Schlafentzug in den Verhörpausen, permanentes Stehen, Licht, Kälte und Feuchtigkeit in der Zelle – und das über Wochen und Monate bei marginaler Verpflegung und unterbliebener gesundheitlicher Versorgung (London hatte Tuberkulose). Diese Folter- und Verhörtechnik war kein Spezifikum im Falle des Prozesses gegen Slánský und die anderen Angeklagten. Sie finden sich auch in den Verhören des Stalinismus in den anderen Staaten des zukünftigen Warschauer Paktes (u.a. in zeitgleichen Verfahren in Albanien und Ungarn) wieder und auch in der Sowjetunion.

Alles nicht zufällig: Als Vernehmer ‚arbeiteten‘ vielfach sog. Referenten des NKWD (Volkskommissariat des Inneren) der Sowjetunion, später MWD (Ministerium für innere Angelegenheiten) der Sowjetunion.

Ziel dieser Verhöre ist nicht nur das Brechen des Willens und die Schaffung angeforderter ‚Geständnisse‘. Die Referenten überarbeiten die ‚Geständnisse‘ mit den Angeklagten je nach erforderlicher politischer Tagesaktualität und sie üben diese Geständnisse auch für das Verfahren selbst. mit den Angeklagten Auch London hat irgendwann mit ‚Geständnissen‘ begonnen, so wie die anderen Angeklagten. Alle belasten sich gegenseitig und weitere Personen, sie gestehen Taten, die an Absurdität kaum zu überbieten sind, verleugnen ihre eigene kommunistische Geschichte (hier u.a. ihren Kampf Freiwilligenbrigaden im spanischen Bürgerkrieg) und machen daraus eine Spionage- und Verschwörungserzählung.

Zu keinem Zeitpunkt scheint es dabei um eine wie auch immer geartete Wahrheit im Sine der Rekonstruktion realer Ereignisse zu gehen. Stattdessen gibt es eine grobe Erzählung, in die die Angeklagten, die Zeugen und andere Personen eingepasst werden.

Der Beginn von Londons Verhör bzw. Schuldbekenntnis

Der Prozess – eine Choreografie

Der Abschluss der Folter- und Vernehmungsphase ist der Prozess: Komplett durchstrukturiert und -orchestriert, eine Verteidigung taucht als Marginalie am Rande auf, ein Bestreiten der ‚Schuld‘ unterbleibt, obwohl fast niemand etwas zu verlieren hat – alle müssen mit einem Todesurteil rechnen. Aber die Fassade eines geordneten Verfahrens mit umfänglichen Aussagen und Selbstbezichtigungen wird aufrechterhalten, staatliche Medien berichten ausführlich, Zeugen sagen aus, weitere Geständnisse werden als Beweismittel eingeführt, Paragrafen werden angeführt und auch die Urteile werden ausführlich begründet.

Alles bewegt sich in einem durchbürokratisierten System, das alle Schauprozesse auszeichnet: Ihre Aufgabe ist es nicht, eine Warheit herauszufinden, stattdessen sollen sie eine politische Positionierung bekräftigten, vermeintliche und tatsächliche politische Gegner abstrafen und ausschalten – und dabei immer die Fassade einer sozialistischen Gesetzlichkeit bewahren.

Einen beeindruckend schlichten Satz dazu soll 1925 ein sowjetischer Jurist namens Diablo in der Zeitschrift „Sowjetrecht“ geschrieben haben: „An die Stelle dieser allgemeinen Rechtsgrundsätze setzt man bei uns einen, was seinen Klassencharakter anlangt, vollkommen entgegengesetzten Begriff, den der revolutionären Zweckmäßigkeit.“ (APuZ 3/1980)

Heutzutage macht einen die Fülle an angeblichen Verbrechen und insbesondere die propagandistische Einordnung (Titoismus, Trotzkismus etc.) schnell müde und auch ratlos. Damals wurden mit diesen Begriffen die Parolen geprägt, die sich in den Zeitungen und im Radio wiederfanden und die dann in den Betrieben und auf unzähligen Versammlungen wiedergekäut und nachgeplappert wurden – und wehe, man stimmte nicht überein oder Dein Gegner (und Denunziant) zeigte das an…

Eine besondere Rolle spielte bei den Verhörtechniken der Umgang mit den Angehörigen (insbesondere Ehefrauen und Kinder): Mal wurden sie in die Bedrohungen miteinbezogen, sie verloren ihre qualifizierte Arbeit, ihre Wohnungen, den Zugang zu höheren Schulen und Hochschulen. Die Inhaftierten wussten nicht, wie es ihren Angehörigen tatsächlich erging: Hatten sie sich distanziert. Hatten sie sich von einem abgewandt? Waren sie ebenfalls inhaftiert? Konnten sie fliehen bzw. auswandern? Diese grausamen Erfahrungen mussten auch London, aber auch seine Frau machen. Seine Frau als überzeugte Kommunistin kam tatsächlich ins Grübeln über die angeblichen Verbrechen ihres Mannes und erst nach der Verurteilung war London in der Lage, ihr gegenüber wieder Klarheit herzustellen.

Genossen unter sich

Dramatisch waren die Schauprozesse mit Blick auf einen der bedeutendsten Werte der Kommunsten – die Solidarität. Nicht selten waren die Ankläger die Kampfgenossen der Angeklagten, sei es im spanischen Bürgerkrieg, in der Resistance, im Kampf gegen den Nationalsozialismus, im Wiederaufbau direkt nach dem Krieg. Insbesondere in den Funktionärskreise der Kommunistischen Internationale (Komintern) kannten sich alle, zumindest sehr viele. Gemeinsam hatten sie nationenübergreifend Tagungen und Kongresse bestritten, Vorträge und Lesungen gehört, Strategien besprochen und den Klassenkampf voranzutreiben versucht.

Zu einem Bestandteil des solidarischen Miteinanders unter Genossinnen und Genossen gehörte schon in den 20er Jahren die Anerkennung der Autorität führender Kader in den Parteihierarchien. Und da stand vorneweg immer der Genosse Stalin, während in der zweiten und dritten Reihe aufgrund der vielen Säuberungswellen immer wieder Veränderungen erfolgten. Dieses Prinzip der totalen Unterordnung wurde noch gestärkt durch die Klandestinität der Arbeit (neben der realen Bedrohung durch Polizei und Faschisten hatten Kommunisten schon immer auch etwas Geheimbündlerisches…) und das Wirken im Untergrund bei zunehmender Repression.

Nur so gelang es, dass sich immer wieder die Genossen untereinander der schlimmsten Verbrechen zu beschuldigten, gegeneinander aussagten und dabei auch noch glaubten, man täte das historisch richtige. Anzumerken ist dabei, dass vielen der Schlaueren Funktionärinnen und Funktionäre der Komintern schon eine Ahnung hatten, dass da wohl einiges gewaltig schiefläuft. Die umfängliche Memoirenliteratur, die das Überleben im stalinistischen Terror erzählt, beschreibt auch frühe Zweifel, Selbstzweifel mit Blick auf das eigene Handeln und Angst vor Denunziation und ungerechtfertigter Anschuldigung. Manchen Kommunisten bzw. Kommunistin hat das Leben gerettet, dass er oder sie zu einem bestimmten Zeitpunkt entgegen einem Befehl der Partei nicht nach Moskau gereist sind.

Die Mischung aus Gehorsam und Unterwerfung, Personenkult und Terror zeichnet viele autoritäre Strukturen aus – auch den Kommunismus.

Und die Juden…

„Es gilt, so viele Juden wie möglich in den Protokollen zu sammeln. Wenn ich zwei oder drei Namen erwähne, und einer davon ‚jüdisch klingt‘, dann wird man nur diesen eintragen.
Dieses Wiederholungssystem, so primitiv es auch ist, erweckt schließlich den gewünschten Eindruck, nämlich daß der Angeklagte nur mit Juden in Verbindung stand oder zumindest mit einem bedeutenden Prozentsatz von Juden.

Von ‚Juden‘ ist allerdings niemals die Rede. Als man mich zum Beispiel über Hajdu verhört, wird der Referent von mir unverblümt verlangen, bei jedem der erwähnten Namen anzugeben, ob es sich um einen Juden handelt oder nicht. Der Referenz setzt aber dann jedesmal an Stelle der Bezeichnung Jude das Wort „Zionist“ ein. „Wir gehören dem Sicherheitsapparat einer Volksdemokratie an. Das Wort Jude ist eine Beschimpfung. Deshalb schreiben wir ‚Zionist‘.“ Ich mache ihn darauf aufmerksam, daß ‚Zionist‘ eine politische Bezeichnung ist. Er erwidert, das sei nicht wahr, und übrigens seien dies die Weisungen, die er erhalten habe. Er fügte hinzu: „Übrigens ist der Gebrauch des Wortes Jude in der UdSSR verboten. Man spricht von Hebräern.“ Ich weise auf den Unterschied zwischen ‚Zionist‘ und ‚Hebräer‘ hin. Vergeblich. Er erklärt mir, Hebräer klinge im Tschechischen schlecht und er habe einfach die Weisung erhalten, ‚Zionist‘ zu schreiben.

So haftet die Bezeichnung ‚Zionist‘ bis zum Schluß Namen von Menschen an, die mit dem Zionismus nie was zu tun hatten. Denn wenn die Referenten die Protokolle ‚für das Gericht‘ zusammenstellten, werden sie sich weigern, die administrativen Protokolle auch nur im Geringsten zu berichtigen. Was geschrieben wird bleibt geschrieben.

In der Folge wird daraus eine Hexenjagd. Man vermehrt die diskriminierenden Maßnahmen gegen die Juden unter dem Vorwand, sie seien in der technischen Nation ein Fremdkörper, Kosmopoliten, Zionisten, und als solche mehr oder weniger in unlauteren Schiebungs- und Spionageaffären kompromittiert.“
(Artur London. Ich gestehe, 1970)

Was in dieser Episode deutlich wird prägte den gesamten Prozess und wie man sieht auch die Vermittlungen und die Zusammenstellung der angeblichen Geständnisse. Der Ermittlungen gingen einher mit einem zunehmend aggressiven Kampf der Sowjetunion gegen das angebliche Kosmopolitismus (eigentlich Weltbürgertum, im Sowjetkommunismus Chiffre für eine antisemitische Verschwörungserzählung – der „wurzellose Kosmopolit“, der gleich dem ewigen Juden durch die Welt zieht und sein Unheil anrichtet).

Stalin als Antisemit

In dem immer noch beeindruckenden Werk „Die Wahrheit ist unsere Stärke. Geschichte und Folgen des Stalinismus“ von Roy A. Medwedjew (dt. S. Fischer Verlag, 1973) findet sich eine lange Liste von Entscheidungen Stalins, die speziell auf Juden zielten: Liquidierung des antifaschistischen jüdischen Komitees 1948, Kampagne gegen den Kosmopolitismus, „Ärzteverschwörung“, Umsiedlung von Juden in Gettos, Verhaftung führender jüdischer Funktionäre, Entfernung der jüdischen Politoffiziere aus der Armee, Verhaftung der Juden, die nach Israel auswandern wollten, Beschränkung der Aufenthaltserlaubnis für Juden in Großstädten, Verweigerung von Arbeitsplätzen für Juden. Pogrome in der Ukraine usw.

Für dieses antisemitische Erbe des Stalinismus steht auch der Slánský-Prozess, sowohl mit Blick auf die Angeklagten wie auch mit Blick auf die Anklage.

Das Erbe

Das antisemitische Erbe der Sowjetunion ist spätestens mit der Präsidentschaft Putins keines mehr, das in Russland eine Aufarbeitung oder Erinnerung erfährt – eher im Gegenteil (aber das ist ein anderes Thema).

Dass dieses Erbe aber auch im demokratischen Westen kein allzu großes Thema ist, wundert ebenfalls nicht. Aufklärung über Antisemitismus ist in Zeiten einer massiven Zunahme der antijüdischen Bedrohung kein echtes Thema. Auch da eher im Gegenteil: Teile der bundesdeutschen (uns auch der europäischen) Linken idealisieren den Sowjetkommunismus, spielen mit seinen Symbolen und verklären die angeblichen Helden. Das geschieht in der Partei Die Linke und insbesondere deren Jugendverband. Und das geschieht in linksautoritären Jugendorganisationen. Wer die Parolen liest, mit denen zur Sonderung der Partei Die Linke von angeblichen oder tatsächlichen „Zionisten“ und „Israelfreunden“ aufgerufen und damit gedroht wird, erkennt die bleibenden Aktualität der Autobiografie Londons und der Auseinandersetzung mit dem Antisemitismus von links.

Sebastian Wertmüller, 19.07.2026