„Die gute Karikatur kommt mit der Hälfte der Übertreibungen aus, deren sich ein schlechter Politiker bedient. (…) Eine Karikatur ist noch lange nicht schlecht, weil man nicht über sie lachen kann, aber sie ist auch nicht deshalb gut, weil man über sie lacht.“ (Kurt Halbritter über sich selbst)
Kurt Halbritter war in seinem viel zu kurzen Leben in erster Linie Zeichner und Karikaturist. Geboren wurde er 1924 in Frankfurt/Main. Er musste die gesamte NS-Zeit erleben, war bei der Wehrmacht (Kriegsmarine) und bis 1947 in britischer Gefangenschaft. Schon diese Jahre prägten ihn und seine Kunst: Das Aufwachsen im Nationalsozialismus, die Kindheit und Jugend im Zeichen des Hakenkreuzes, das Soldatensein bei der Marine ab 1942 und die Kriegsgefangenschaft ab 1944. Viele dieser Erfahrungen finden sich in seinen Zeichnungen wieder.

Der Chemograf
Aber noch vor der Wehrmacht lernte er den Beruf des Chemografen, den es nicht mehr gibt. („Die Aufgabe des Chemigrafen bestand darin, die vom Reproduktionsfotografen gelieferten Filme oder Farbauszüge für Mehrfarbdruck fototechnisch auf präparierte Zink-, Kupfer- oder Magnesiumplatten zu übertragen und aus ihnen die nicht zu druckenden Teile herauszuätzen. Das Endprodukt bezeichnete man als Klischee, das als Druckstock im Hochdruckverfahren verwendet wurde.“ Wikipedia – so viel zur Berufskunde ausgestorbener Berufe)


Halbritter später zu seiner Berufswahl: „Ich wuchs in einer Zeit auf, von der man behauptet (damals wenigstens), sie sei eine „große“. Mein Beruf war eigentlich das Erste, was ich frei wählen durfte, und ich wählte prompt falsch.“
Fachklasse für Illustration und Gebrauchsgrafik
Folgerichtig orientierte Halbritter sich nach der Kriegsgefangenschaft neu und besuchte die sog. Meisterschule für das gestaltende Handwerk, ab 1949 Werkkunstschule in Offenbach am Main (heute Hochschule für Gestaltung), die er 1952 abschloss. ‚Fachklasse für Illustration und Gebrauchsgrafik‘ nannte sich seine Abteilung. Hier lernte er das Handwerk zum Hobby und Interesse. Seine Zeichnungen wirken zum Teil so, als ob sie schnell mal hingekritzelt wären. Dabei sind sie genau durchdacht und handwerklich durchaus aufwändig. So einfach ist es nicht, mit ein paar lockeren Federstrichen einem Gesicht nicht nur eine Form, sondern auch einen Ausdruck zu verleihen.


Hier muss ich anmerken, dass leider sehr wenige biografische Angaben über Kurt Halbritter im Internet zu finden sind. Weder über seine Eltern und ihr soziales Umfeld noch über seine eigene familiäre Situation konnte ich – bei flüchtiger Suche – viel ausfindig machen. Was ich auch nicht finden konnte, sind Hinweise auf die Reaktion insbesondere auf seine zeitkritischen Cartoons. Das ist sehr bedauerlich, weil er in einer Phase des gesellschaftlichen Stillstandes, der Restauration ins Zeichnerleben einstieg und seine bösen und entlarvenden Beiträge zur NS-Geschichte, zur Sexualmoral, zur Kirche werden sicher nicht nur Begeisterung ausgelöst haben.


Der Cartoonist – pardon
Auf jeden Fall stand danach der weitere Berufsweg fest: Kurt Halbritter arbeitete als Cartoonist, Karikaturist und Zeichner. Dabei bediente er u.a. so exquisite Blätter wie die Frankfurter Rundschau, die FAZ, den Vorwärts, Pardon und die Bierdeckel der Binding-Brauerei (‚Schorsch‘ und ‚Schaa‘). Bei pardon, der legendären Satirezeitschrift von 1962 bis 1982 war er von Beginn an als Zeichner dabei. Ach ja: Zum Niedergang des satirischen Humors gehört auch: Seit 2012 gehört Pardon der WEIMER MEDIA GROUP! Ja, das ist der eigenartige PR-Laden unseres Kulturstaatsministers. Zum Glück versucht die MEDIA GROUP nicht, pardon wieder aufleben zu lassen…
1978 mit gerade mal 54 Jahren ist Habritter plötzlich gestorben, ein Herzinfarkt. In den gut 20 Jahren seiner künstlerischen Tätigkeit hat er nicht nur unzählige Cartoons für Zeitungen und Zeitschriften gezeichnet, sondern auch um die 20 Bücher herausgebracht.
Bücher
Bereits 1954 erschien „Disziplin ist alles“, eine satirische Auseinandersetzung mit dem Soldatentum, wohl eine Kritik im Vorfeld der Gründung der Bundeswehr 1955, die ab Beginn der 50er Jahre diskutiert wurde und hochgradig umstritten war.


Halbritters Bücher und Cartoons waren bissig-kritisch, ein Kontrapunkt zur heute verklärten Wirtschaftswunderzeit, eine Auseinandersetzung mit einer verklemmten Sexualität, scheinheiligen Priestern, einer Welt der Werbung und immer wieder scharfe und deutliche Kommentare zur NS-Zeit und zur unzureichenden Entnazifizierung.
„Mein Kampf“
„Dieses Werk wurde bis 1986 mehrfach wiederaufgelegt und ist zweifellos das wichtigste Cartoonbuch der Bundesrepublik.“ (FAZ, 12.08.2014)

So erschien folgerichtig dann im Verlag Bärmeier & Nikel 1968 sein bedeutendstes Werk: „Adolf Hitlers mein Kampf. Gezeichnete Erinnerungen an eine große Zeit“. In dem Buch, in einer Adolf Hitlers „Mein Kampf“-Ausgabe nachempfunden Umschlaggestaltung, setzt Halbritter sich auf 240 Seiten mit der NS-Zeit auseinander. Da ist dann nichts mehr vom freundlichen Humoristen Halbritter zu erkennen, wie in einigen seiner anderen Bücher wie dem Gefängnisschmunzelbuch „Johannes“ oder den Aufzeichnungen über die „Murder Brothers“.
Halbritter begleitet zeichnerisch einen Stammtisch von Mitläufern (besser Mittätern), die die verschiedenen Phasen der 13 Jahre der NS-Zeit kommentieren, begleitet von Originalzitaten aus „Mein Kampf“. Dazwischen die Cartoons, die tief in den deutschen Alltag 1933 – 1945 eintauchen: Die frühe Naziwerdung der Kleinbürgerinnen und Kleinbürger, die Ausgrenzung der Juden, Nationalsozialismus in der Schule, Jungvolk, HJ, Kultur – mit der sehr schönen Kapitelüberschrift „Der Arier als Kulturbegründer“ (wer kann da nicht an die AfD denken?). Rassenpolitik, Euthanasie, Antisemitismus unter Nachbarn im Alltag, ‚Volk ohne Raum‘, alles wird in kleine Szenen gepackt, die einen vielleicht kurz Schmunzeln lassen – bis einen das Grauen packt. Auch der Weltkrieg, die Durchhalteparolen, verwundete und tote Soldaten, die Deportationen, die Niederlage sind Themen. Dabei bebildert Halbritter nicht einfach Geschichte.


NS-Alltag
Er schafft Eindrücke, wie sich Antisemitismus, Unterdrückung, autoritäre Formierung und Führerkult langsam in die Gesellschaft fressen – nicht von außen, sondern weil erkennbar der Kern immer schon da war. Die Bühne der Bilder sind die Räume des Alltags: Wohnzimmer, Küchen, Klassenräume, Lokale, Straßenszenen, Betrieb… Frau beim Knöpfeannähen zum Mann: „Erich! Denk an die Kinder, und du willst doch auch einmal weiterkommen!“ Seriöse Herren, Oberklasse, beim Glas Schampus: „Ich habe das ungute Gefühl, daß ihr im Ausland glaubt wir seien mit allem einverstanden, was bei uns hier geschieht.“ Oder Telefonat während Boykottaktion vor jüdischen Geschäften: „Liebe Frau Grünbaum, mein Wölfchen steht seit vier Stunden vor Ihrem Geschäft. Bitte schicken Sie ihn doch herüber, er wird Hunger haben.“


In diesem Buch zeigt sich die ganze zeichnerische Größe Halbritters: Ausdrucksvolle Gesichter, die Angst, Misstrauen, Gemeinheit, Scheinheiligkeit, Karrierismus zum Ausdruck bringen. Details an Autos, Gebäuden, Straßen, Passanten usw., die mehr als eine Illustration ausmachen, sondern eine Stimmung, ein gesellschaftliches Klima erkennbar machen. Und dann die lakonischen Textzeilen, die die Menschen zum Sprechen bringen, kurz, pointiert und genau. Kurt Halbritter hätte wohl auch literarische Texte schreiben können.
Der Geruch der Nazis
2023 erlebte Halbritters Mein Kampf endlich eine Neuauflage (zum Glück wieder bei Bärmeier & Nikel und wieder in der originalen Optik– der Verlag wurde wiederbelebt). Ein Zitat aus der fast schon euphorischen Rezension in der tageszeitung: Die Zeichnungen sind so realistisch, dass ihnen förmlich das dazugehörige Aroma aus Rasierwasser, Achselschweiß und Sauerkohl entströmt. Weder in der deutschen Nachkriegsliteratur noch im deutschen Nachkriegsfilm war bis dahin eine angejahrte Ehefrau aufgetreten, die wohlwollend den neuen NSDAP-Mitgliedsausweis ihres Mannes betrachtet, während der sich vor dem Spiegel die Krawatte bindet und sagt: „Und da habe ich mir gedacht, warum sollen ausgerechnet wir gegen den Strom schwimmen?“ taz 11.12.2023


Neben der Tatsache der Wiederveröffentlichung selber, führte sie auch zu einer ganzen Reihe sehr positiver Rezensionen in den Zeitungen und beförderte so die Erinnerung an einen der besten (den besten?) deutschen Zeichner der Nachkriegszeit.
Aktualität
Man merkt, Halbritter kannte, was er erzählte aus eigener Erfahrung. Es ist auch seine Geschichte, die sich übertragen hier wiederfindet – von der Schulzeit bis zur Gefangenschaft.
Dabei muss man sich vergegenwärtigen: Das Buch erschien nur 23 Jahre nach Kriegsende in einer miefigen Nachkriegszeit, die von Verdrängung geprägt war, während die früheren Kader aus Partei, Verwaltung, Justiz, Wirtschaft, Polizei und Ärzteschaft weitestgehend unbeschadet in der Demokratie weiterwirken durften.
Schlimm und bestürzend: Diese Zeichnungen wirken brennend aktuell – nicht das Interieur, die Kleidung und die Autos und Gebäude. Aber umso mehr, was die Mischung aus Feigheit und Aggression, aus Ressentiment und Mitmachertum angeht.
Ein uneingeschränkter Lesetipp – egal, ob die Neuauflage von vor drei Jahren (übrigens im Originaloutfit der Erstausgabe) oder antiquarisch einer der früheren Ausgaben antiquarisch.


kavgam – türkische Ausgabe
Und eine ganz spezielle Ausgabe sei hier auch noch erwähnt: Tatsächlich erschien 2013 sogar eine türkische Ausgabe von Halbritters Buch „kavgam“, mit einem Vorwort des Schriftstellers Peter Härtling und einem Nachwort des Politikwissenschaftlers Iring Fetscher.
Weitere Werke
Halbritter muss aber jenseits seiner unübersehbaren Gesellschaftskritik auch viel Spaß am absurden Humor, am Nonsens, an skurrilen Geschichten gehabt haben. Egal ob es um Tiere und Pflanzen („Halbritters Tier- und Pflanzenwelt“), selbst erfunden Waffen („Halbritters Waffenarsenal“) oder seine Auseinandersetzung mit Grundgesetz und Verfassungswirklichkeit („Jeder hat das Recht“) geht, der Mann bringt mich auch heute zum Schmunzeln.


Aus einer Besprechung einer Halbritter-Ausstellung in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung 2014: Schon 1949 brachte er seine erste Karikatur in der „Frankfurter Rundschau“ unter, und wenn man sich die frühen Cartoons, die in erfreulich großer Zahl präsentiert werden, ansieht, staunt man über einen Mann, der ohne Mühe den Vergleich mit den Größten seiner Zunft und Zeit aushält – eben mit Chaval und Bosc, aber auch mit Tomi Ungerer oder Ronald Searle. FAZ 12.08.2024
Sebastian Wertmüller, Juli 2026