„Alles von Relevanz“ (Senders Eigenlob)
Seit einigen Tagen hat der Deutschlandfunk (DLF) eine neue Marotte: Am Ende der Nachrichtensendungen (nicht nach allen) werden die Hörer/innen gefragt, ob ihnen etwas fehlt oder sonst wie aufgefallen ist – dann mögen sie sich melden. („Wenn Ihnen bei den Nachrichten des Deutschlandfunks (Dlf) ein Fehler, ein Zahlendreher oder ein ungenauer Fakt auffällt, können Sie dies am schnellsten direkt über den Deutschlandradio-Hörerservice melden. Das Team leitet wichtige Hinweise und Korrekturen zügig an die zuständige Nachrichtenredaktion weiter.“)
Da taucht dann schon die Frage auf, ob eine professionelle Nachrichtenredaktion, gestützt auf Agenturen wie dpa und andere, den Faktenchecheck der kollektiven Schwarmintelligenz der Hörerschaft überlassen möchte. Oder sind die Zweifel an der Qualität der eigenen Nachrichten schon so weit gediehen sind, dass man sich dem Urteil seiner Hörer/innen unterziehen muss? Oder ist es einfach eine Form der Überanpassung, wohlwissend, dass jede Nachricht inzwischen einen Shitstorm wert ist? Mal sehen, wie lange der der Spaß so geht…

Der Deutschlandfunk – ein Teil des Alltags
Für jemanden wie mich, für den der DLF in den Alltag integriert ist (in der Küche, beim Bügeln, im Bad, imAuto, bei vielen anderen Verrichtungen), sind die Veränderungen im Laufe von Monaten und Jahren schon auffallend. Früher ging es nur darum, wie man seine Zeit unter der Dusche so wählt, dass zeitglich die Morgenandacht lief und man nicht zuhören musste. Inzwischen zieht sie die Mischung aus Klebrigkeit, Volkspädagogik, journalistischer Schlamperei und Identitätsgesäusel durch immer weitere Teile des Programms, so dass man sich ernsthaft Gedanken über die Zukunft machen muss. Und vor allem muss ich mir Gedanken machen, was ich denn in Zukunft eigentlich hören möchte, Ober ob es gute Musik von unterschiedlichen Tonträgern nicht auch tut und ich meinen Informationshunger nicht anderswo seriöser gestillt bekomme…
Das Ganze prickelt ganz besonders, da mein Sender für den 30.11.2026 die Umsetzung einer Programmreform angekündigt hat, die wenig Gutes verspricht.
Selbstbeschau – Die Jingles
Es lässt sich kaum noch eine Sendung anhören, ohne am Anfang und am Ende einen Programmtipp zu erhalten, der auf andere Sendungen, oder Podcasts oder App-Infos am Tag, am nächsten Tag oder wann auch immer verweist. Gerne ist es dann auch keine trockene Ankündigung, Redakteure/innen klären einen auch noch darüber auf, was sie denn so gemacht haben, damit die Sendung zustande kommt. Alles mäßig interessant, aber in der Permanenz der Wiederholung eher anstrengend, denn informativ.

Einer weitergehenden Nabelschau sind dann Kurzberichte über das Zustandekommen von Sendungen, so dass beispielsweise für die Presseschau Medien ausgewertet werden i.a. Kein Halten mehr gibt es, wenn Sendungen ein Jubiläum erfahren. Dann werden die Macher/innen der ersten Stunde ans Mikro gebeten, Hörer/innen ebenso und alle dürfen sich freuen, endlich zu erfahren, wie häufig der Autor gebündelt die Meldungen der „Sternzeit“ einliest.
Bevor ich weiter klage – all diese Verweise auf das eigene Tun kosten Zeit, Sendezeit, ich veranschlage mal zwischen 01:00 und 01:30 min je Sendestunde und es nervt unendlich. Und produziert muss dieser Informationsmüll ja auch irgendwann von irgendwem…
Die Macht der Kirche

Abgesehen von der täglichen Morgenandacht (drei bis vier Minuten Küchenphilosohie vom Feinsten) haben die Kirchen vor allem die Sonn- und Feiertage fest in ihrer Hand: Einstündiger Gottesdienst um zehn Uhr, viel erbauliche Musik und besinnliche Sendungen. Je nach Bedeutung des Feiertages steigt die Erbaulichkeit des Programms und die der Musik (bevorzugt die deutschen/österreichischen Klassiker). Mühsam erkämpfen sich wenigstens die Nachrichten ihr Recht auf Gehör, aber insgesamt gewinnt man den Eindruck, dass an diesen besinnlichen Tagen der Lauf der Welt mit seinen Ereignissen einfach nicht mehr stattfindet.
(Das kann natürlich auch dem öffentlich-rechtlichen Charakter des Senders geschuldet sein, der die Ereignisse auf die Werktage – teilweise unter Einbeziehung des Samstags – zu beschränken versucht. Da fällt auf, dass die ausführlichen Sonntagsinterviews meist schon am Freitag aufgenommen werden, was bei beschleunigter Nachrichtenlage recht komische Effekte hervorruft.)
Man stelle sich eine derartige religiöse Überfrachtung bei einem x-beliebigen Dudelsender – also fast allen – vor. Traut sich keiner, aber wer DLF hört, muss das eben abkönnen.
Volkspädagogik
Auch wenn es keineswegs zum Programmauftrag des DLF zählt, fühlt sich der Sender auch zum Höheren berufen. Dazu hat er die „Denkfabrik“ geschaffen: „Im schnellen Taktschlag einer von zahllosen Informationen gefluteten Welt bleibt oft wenig Zeit, um über wesentliche Fragen zu diskutieren. Deutschlandradio und seine drei Programme wollen mit der Denkfabrik diesen Fragen eine Plattform bieten.“

Also: Es geht um das Wesentliche, die ganz großen Themen der Zeit – hier eine Auswahl aus den Fabrikthemen des Senders: „Das Recht des Stärkeren“, „Machen statt meckern!“, „Wie gestalten wir Zukunft?“, „Die wehrhafte Demokratie“, „Auf der Suche nach dem ‚Wir‘“, „Dekolonisiert euch!“
Die Wesentlichkeit springt sofort ins Auge! Die Nähe zum Besinnungsaufsatz im Ethik- oder Deutschunterricht drängt sich auf. Man erinnert sich an seine Schulzeit – ‚Für oder gegen Aufrüstung‘, ‚Diskutiere die Vor- und Nachteile der Todesstrafe, des Biertrinkens oder der Morgengymnastik‘.
Um zu einem Thema zu kommen, wird hübscherweise Demokratie simuliert (Stichwort ‚Publikumsbeteiligung‘): Die Redaktion schlägt den geneigten Hörern/innen vier Themen vor und man darf eines davon auswählen. Und dann gibt es Sendungen, Podcasts, Veranstaltungen – und natürlich ganz viel Werbung in allen anderen Sendungen für die Denkfabrik.
So kennen wir die „wesentlichen Fragen“ und erfahren auch, wie die Redaktion meint, dass sie zu diskutieren wären. Eine besonders unappetitliche Schwerpunktsetzung ist „Machen statt Meckern!“, verbunden mit der Drohung in der Unterzeile: „Was passiert, wenn alle mit anpacken…“ Es ist eine lange, schlechte Tradition, Kritikerinnen und Kritiker zu verunglimpfen. Schon in der Schule wurde einem beigebracht, am besten nur „konstruktiv“ zu diskutieren, Optimismus ist Pflicht. Der aktuelle Gesundheitsminister Linnemann verkörpert diese autoritäre Denke, indem er proklamiert „Einfach mal machen“.

Hier die Wahlangebote der Redaktion für die aktuelle Denkfabrik 2026:
– Schöne neue Arbeitswelt – auch für mich? (Thema 1)
– Verbindend, umkämpft, unverzichtbar: Was ist Heimat? (Thema 2)
– Was junge Menschen in Deutschland zu sagen haben (Thema 3)
– Männlichkeit im Umbruch – wann ist ein Mann ein Mann? (Thema 4)
Da geht einem doch das Denkerherz auf! Da haben sich sicher viele Arbeitskreise mit viel externer Unterstützung beraten – um dann derart bedeutsame Denkthemen, man kann auch sagen derart viel Zeitgeistiges in die Welt zu schmeißen. Aber nie vergessen: „Alles von Relevanz.“
Verpodcasifizierung
KI sagt: „Der Begriff Verpodcasifizierung ist kein feststehendes, offizielles Wort im Duden, beschreibt aber umgangssprachlich den Trend, dass sich Audio-Talkformate, Interviews und Dauerbeplatschung in alle Lebens- und Medienbereiche ausbreiten.“ („Dauerbeplatschung“ kannte ich noch nicht, klingt aber hübsch).

Wie das so üblich zu sein scheint, setzt auch der DLF verstärkt auf Podcasts. Oder anders: Wenn der Hype schon mal überall rum ist, dann dreht auch der ÖRR auf. Obwohl als Informationssender erfolgreich mit guter Reichweite baut der DLF seine Podcasts weiter aus: Ordinär ausgedrückt wird inzwischen jeder gesendete Pups podcasifiziert. Das geht von den Meldungen vom Tage bis zur „Lebenszeit“ und der „Sternzeit“. Die Begründungen sind die üblichen: Geändertes Hörerverhalten (angebliche Zeitsouveränität), Erreichung jüngerer Hörer/innen, mehr Tiefe (!). Und der angebliche Erfolg, der daran gemessen wird, dass ein oder zwei Podcasts hohe Abrufquoten erreichen.
„Amerika verstehen“
Die Praxis ist dann erwartbar: Sendungen werden den Podcasts angepasst oder sind bereits gekürzte Fassungen davon. Der Stil ändert sich – es wird nicht mehr recherchiert, dafür aber umso mehr gequasselt.
Wer es hart braucht, höre sich mal eine Sendung der nahezu epischen Reihe „Amerika verstehen“ mit Volker Depkat an. Inzwischen um die 30 Folgen endloses Geschwätz über alles, was mit den USA (das ist nämlich mit „Amerika“ gemeint) zu tun haben könnte.

Die Frechheit (oder Uniformiertheit oder Ignoranz) beginnt beim Titel: Dass Amerika mehr ist als die Vereinigten Staaten ist ja so ganz neu nicht. Aber westliche Arroganz siegt. Und diese Arroganz durchzieht die ganze Reihe, Depkat spricht und räsoniert einfach über alles, über Ureinwohner, über Rassismus, über Schwarze, über Religion, über Milität usw. Und sein „Amerika“bild und seine thematischen Schwerpunkte sind dabei genausso weiß und westlich, wie man es dich in der DLF-Redaktion wohl ausgemalt hat.
Mein persönliches Highlight: „Spielen die Frauen der US-Präsidenten eine Rolle?“, das ist dann schon eine ernsthafte Konkurrenz zu Gala und dem Neuen Blatt. Um andere Frauen, Frauen mit einem lateinamerikanischen oder asiatischen oder schwarzen Background geht es natürlich nicht.
Im Ernst: Jede Sendung (die Podcasts selbst sind noch länger), ein unendliches Palaver mit ein oder zwei redaktionellen Stichwortgebern, mit groben Titeln wie „Verlieren die USA den Machtkampf gegen China?“. Noch besser der Teaser: „Das Verhältnis der beiden Länder war schon immer kompliziert, sagt Historiker Volker Depkat.“ Das hat schon großes Satireformat, ist aber ernst gemeint.
Eigentlich alles kein Problem, wenn der Sender dabei nicht immer mehr Formate durch die Podcastmühle drehen und damit Nachrichten, Information und Recherche den Geschichtchen opfern würde.
Von der Nachricht zur Story
Waren die heißesten Waren eines Nachrichten- und Informationsmediums bisher Aktualität, Bedeutung, Recherche, Gründlichkeit, Faktizität etc. so ist es jetzt das Storytelling, also das Erzählen von Geschichten. Wer’s nicht glauben mag, schaut sich mal die Infos zur Audio Storytelling Academy des DLF an. „Du hast eine Idee für eine Story, die du unbedingt erzählen willst, aber noch keine oder wenig Erfahrung? (…) Improvisation, unerwartete Erzählformen, Recording draußen statt Studioarbeit, kurze oder lange Stücke, neue Ideen fürs Storytelling, – alles ist erlaubt und erwünscht. Wir schätzen Vielfalt und verstehen die Audio Storytelling Academy auch als Ort für Menschen, deren Perspektiven bisher nicht ausreichend im öffentlich-rechtlichen Kontext repräsentiert werden.“ Und die erarbeiteten Stories werden dann gesendet – Selbsterfahrung? Identitätshuberei? Journalismus oder Aberglaube?

Ein letzter Hinweis zur Story, dem Podcast bzw. der Sendereihe „Lieblingsschülerin“, seit kurzem im Programm, die ideale Annäherung ans Vormittagsprogramm der Privatsender. Aus der Ankündigung: „Drei Schülerinnen sind 15 Jahre alt, als ihre Lehrer mit ihnen eine Beziehung beginnen. Heute fragen sie sich: Wie konnte der emotionale und sexuelle Missbrauch lange unbemerkt bleiben? Ihre Geschichten: Zu hören ab dem …“ Aber wie der Sender selbst von sich ja sagt – alles von Relevanz!
Der Sender bemüht sich übrigens redlich, seine Podcast-Reichweite auszuweiten. Die Reihe zur „Lieblingsschüler“ wird besonders aggressiv beworben, so wie einige andere Eigenproduktionen auch. Dann gelingt sicher auch der Nachweis des durchschlagenden Erfolgs.
Woher das Elend?
Der Rundfunkstaatsvertrag kann’s nicht sein: „Auftrag der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten ist, durch die Herstellung und Verbreitung ihrer Angebote als Medium und Faktor des Prozesses freier individueller und öffentlicher Meinungsbildung zu wirken und dadurch die demokratischen, sozialen und kulturellen Bedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen. Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten haben in ihren Angeboten einen umfassenden Überblick über das internationale, europäische, nationale und regionale Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben.“ (steht sogar noch im „Reformstaatsvertrag“, § 26)

Es gibt noch mehr Grundlagentexte, aber allein dieser lässt an Klarheit über den Auftrag wenig zu wünschen übrig.
Natürlich gibt es auch beim DLF den ganz normalen Wust an Erwartungshaltungen aus der Politik, aus dem Rundfunkrat, von gesellschaftlichen Instanzen, aus einer gesellschaftlichen Debatte, die häufig den gesamten ÖRR in die Tonne klopfen will. Mir geht es dabei eher um die Eigenleistung des Senders bei seiner Demontage. Die Zahl der Hörerinnen und Hörer steigt seit Jahren (ein Verzweiflungsakt mit Blick auf den Rest des ÖRR?), 2,25 Mio. tägliche Hörer/innen unter der Woche, weitere 550.000 bzw. 200.000 bei DLF-Kultur und DLF Nova, das sind schon starke Botschaften für Information, Recherche und Aktualität. Auch finanziell ist der Sender in keiner Schieflage. Der Ruf ist immer noch anständig (nicht ganz zu Recht meiner Ansicht nach) und Politiker/innen aller politischen Färbungen – bis hin zu ganz braun – ist es bis heute wichtig, interviewt zu werden und mit zitierfähigen Viertelsätzen in die Nachrichten zu kommen.
Der Zeitgeist und die Programmreform
Wie oben schon mehrfach angemerkt hat der DLF einen ungesunden Hang zum Zeitgeistigen bzw. dem, was in der Senderleitung als zeitgeistig angemessen festgestellt wurde. Das betrifft Inhalte wie Formate, das betrifft Senderkultur wie auch das Verantwortungsbewusstsein gegenüber dem Auftrag.
Konsequent droht der DLF jetzt mit neuen Übel, einer „Programmreform“. Aus aktuellen sozialpolitischen Debatten wissen wir, dass bei der Androhung einer „Reform“ immer mit einem Sparprogramm zu rechnen ist. Diesmal weniger mit einem materiellen, denn mit einem geistigen. O-Ton aus dem Juli 2026: „Deutschlandfunk-Programmreform setzt auf Vertiefung und Publikumsdialog. Neues Programmschema schärft Profil als journalistisches Leitmedium im Audiobereich“.

Was nach diesen Plattitüden folgt, enttäuscht dann wirklich nicht: Der „Publikumsdialog“ wird ausgebaut – das sind die vormittäglichen Sendungen, in denen alle mal eine Meinung zu allem haben und sagen dürfen. Gerne verbunden mit Kürzeststatements von Bürger/innen auf der Straße, die dann manchmal noch ernsthaft kommentiert werden.
Fast schon bedrohlich: „Das Spektrum umfasst sämtliche Themen aus den Fachredaktionen von Politik über Umwelt, Wirtschaft, Klima bis hin zu Sport, Medien, Kultur und Religion.“ Das kann ja ein noch fröhlicheres Geplapper werden, als wir es jetzt schon erleben müssen. Aber natürlich „alles von Relevanz“.

Inhaltlich gravierender: Es droht der Verlust der bisher bekannten sog. Fachformate, die hochwertig recherchiert werden und für viele Hörer/innen gewichtige Gründe sind, den Sender anzuschalten. Ich nenne mal exemplarisch ein paar: Europa heute, Tag für Tag, Umwelt und Verbraucher, Wirtschaft und Gesellschaft, Campus Karriere, @mediasres, Büchermarkt, Forschung aktuell, Kultur heute, Hintergrund, Presseschauen, DLF-Magazin, Andruck – Das Magazin für Politische Literatur, Essay und Diskurs, Gesichter Europas, Wissenschaft im Brennpunkt und andere. Allein die Auswahl beschreibt, was es hier an fachlicher und journalistischer Kompetenz gibt und was alles geht, auch ohne einen einzigen Podcast bemühen zu müssen…
Diese Formate laufen jetzt Gefahr, in einem großen Sendebrei aufgelöst zu werden.
Der Kunsthistoriker Michael G. Gromotka hat das für eine Petition prägnant zusammengefasst:
– „Verschiebung der „Informationen am Morgen“ um eine Stunde nach hinten. Damit wohl Wegfall von „Europa heute“ und der Religionssendung „Tag für Tag“.
– Auflösung der Fachsendungen wie „Kultur heute“, „Wirtschaft am Mittag“ oder „Campus und Karriere“. Verlagerung der Inhalte auf zwei Sammel-Sendungen namens „Wissen nach 2“ und „Kultur nach 3“.
– Die Fachredaktionen treten mit ihren Beiträgen für diese Sendungen zukünftig in einen Wettbewerb um die Relevanz ihrer Inhalte (sie müssen sie vorher intern pitchen*).
– Verlängerung der Anrufsendungen auf 2 Stunden.
– Ab 17 Uhr 90-minütiges Programm „Drive Time“, das die Informationsbedürfnisse der Menschen bedienen soll, die um die Zeit nach Hause fahren.“
* Pitchen kommt aus dem Managementsprech (dummdeutsch) und meint Kurzpräsentationen von drei, vier Minuten zur Überzeugung des Auftraggebers.
Aber warum?

These 1: Redakteurinnen und Redakteure wollen modern und innovativ sein. Und sie haben gelesen, dass ihr Publikum eher älter ist, dass die Jüngeren anders gucken und sehen und sie meinen dann, es wäre eine gute Idee, sich auf den Weg, irgendeinen Weg zu machen. Nennt man Zeitgeist, die neue Flachheit als Ersatz für ernsthafte Innovation.
These 2: Zeitgeistforscher/innen und -kritiker/innen haben schon immer als erstes erkannt, dass alles Alte alt, unmodern und unzeitgemäß ist und alles spannend neu und interessant und gut, was da kommt – vom Podcast bis zur KI, von der Diskursverschiebung (bei der Migration, beim Antisemitismus, beim Klimawandel etc.) bis zur Unterwerfung unter (vermeintliche neue) Herrschaftsverhältnisse.
These 3: Schwätzen kann man einfach über alles. Und viel interessanter, und konfliktfreier als die Erkundung und Beschreibung der Wirklichkeit ist das freie Sinnieren über die Möglichkeiten der Zukunft. Wer will sich da noch mit der Wiedergeburt des Imperialismus auf Kosten der Ukraine, der Unmenschwerdung in der Migrationspolitik oder dem Niedergang des kritischen Geistes und der Aufklärung in der Kultur auseinandersetzen?
These 4: Leitungskräfte bemühen sich zu verstehen, was man von ihnen will. Und sie meinen verstanden zu haben, dass die Politik irgendwie was anderes will. Und um ja kein Risiko einzugehen, forcieren sie das, was alle machen: Geschichtchen, Podcasts, Plapperveranstaltungen, harmlose Volkspädagogik und vor allem: ja keine Haltung oder gar Position einnehmen.
These 5: AfD und konservativer Stammtisch wirken. Im vorauseilenden Gehorsam riecht der Sender (zumindest seine gut bezahlten Köpfe), dass Stress im Anflug ist: Fordernde Politik, Aufkommen rechtsextremer Portale, Druck auf die Beitragsschraube, Ablehnung von Fakten, Pluralismus in Richtung Schwurbler, Rechtsextremisten und anderen Durchgeknallten.

Die Guten
Zum Glück gibt es auch noch andere – in den Redaktionen des Senders, im Beirat, in anderen Medien und in einer bewussten Öffentlichkeit. Ziel des Senders ist natürlich, seinen größten Umbau möglichst geräuschlos über die Bühne zu bringen. Kein Zufall, dass mehr über die 137. Folge von irgendwas berichtet wird, denn über den größten Umbau des größten Informationssenders seit Jahren. Keine Jingles, keine Sondersendungen mit Kritiker/innen und Befürworter/innen, keine Publikumsbeteiligung, keine Streitgespräche eher Sendepause. Publikumsbeteiligung da, wo es um etwas geht? Behüte!
Aber den Spaß am Großreinemachen sollten wir Ihnen nicht einfach so gönnen!
Petion „Die Programm-Reform des Deutschlandfunks (DLF) stoppen!“
Schreibt Mails und – besser noch – Briefe, nervt andere und fragt nach. So unzureichend er ist, der DLF, man kann ihn noch sehr viel schlechter machen.
Sebastian Wertmüller, 15.08.2026